Archiv für Mai, 2008

Wissenswertes zur EM 2008

31. Mai 2008

Trix & Flix
Foto: JBalázs auf Flickr.com

  • Für die deutsche Nationalmannschaft gibt es bei Karstadt so wunderbare Fan-Artikel wie die Deutschlandfahne, die auf Knopfdruck die Nationalhymne singt, und den aufblasbaren Gummiadler Fritz, gestaltet in grausamen Farben.
  • Der Schweizer Rekordtorschütze hört auf den landestypischen Namen Kubilay Türkyılmaz. 34 Tore erzielte der in der italienischsprachigen Schweiz geborene Stürmer mit türkischer Abstammung für die Schweiz. Von 1996 bis 1998 war er der Schweizer Spieler des Jahres. Allerdings könnte Alex Frei ihm bald den Titel des Rekordtorschützen streitig machen – im Moment hat er 32 Tore erzielt, also zwei weniger als der bisherige Rekord. [Update: Frei konnte im letzten Schweizer Vorbereitungsspiel vor der EM gegen Liechtenstein zwei Treffer erzielen und hat damit «Kübi» überholt.]
  • Nationalmannschaften und ihre Spitznamen sind ein dankbares Thema. Die Tschechen nennen ihre Elf ganz förmlich Reprezentace («Vertretung»), die Portugiesen quälen sich ein etwas längeres Seleção das Quinas («Auswahl der fünf Schilde») über die Lippen, die Kroaten plaudern wegen dem Muster auf den Jerseys von den Kockasti («Karierten»), während in Rumänien das eigene Team als Tricolorii («die Dreifarbigen», das gleiche Attribut trifft übrigens auf satte weitere acht Teilnehmerländer zu) bezeichnet wird. Von «der Auswahl» sprechen sowohl Spanien (La Selección) und Russland (Sbornaja). Den wohl kreativsten Namen haben sich wohl die griechischen Fans einfallen lassen. Die nennen ihre Rehhagel-Kicker nämlich To Piratiko: «das Piratenschiff». Ahoi!
  • Bei der EM 1996 schied die Türkei, derzeit die Nummer 23 der FIFA-Weltrangliste, punkt- und torlos aus. Vier Jahre später kamen sie bis ins Viertelfinale.
  • Mit Österreich und Polen waren bislang zwei von 16 Nationalmannschaften noch nie zuvor bei einer EM dabei.
  • Vor dem entscheidenden Qualifikationsspiel England gegen Kroatien (England hätte unentschieden spielen müssen, um zur EM zu fahren, verlor aber 2:3) sang der britische Tenor Tony Henry bei der kroatischen Nationalhymne statt «Mila kuda si planina» inbrünstig «Mila kura si planina». So wurde aus «Du weißt, mein Liebling, wie wir deine Berge lieben» ein eher eindeutiges «Meine Liebe, mein Penis ist ein Berg». Einen schönen Gruß auch an alle, die per Google und auf der Suche nach Zweideutigkeiten jetzt auf dieser Seite gelandet sind.
  • Keine Vetternwirtschaft in Kroatien, Nationaltrainer Slaven Bilić macht alles höchstpersönlich. Als Bassist der kroatischen Band Rawbau spielte er auch noch den offiziellen EM-Song seines Landes ein: «Vatreno ludilo».
  • Deutschland nimmt zum neunten Mal an einer EM teil, die höchste Anzahl im Teilnehmerfeld. Dabei hatte sich Sepp Herberger konsequent geweigert, die DFB-Elf bei dem Turnier antreten zu lassen. «Reine Zeitverschwendung» sei das, knurrte Herberger, den der Wettbewerb bei der Vorbereitung auf die EM störte. Erst 1968, also bereits unter Helmut Schön, nahm Deutschland an einer Europameisterschaft teil, vier Jahre später gewannen sie – wieder unter Schön – erstmals das Turnier.
  • Einer der Ausläufer des Totalen Fußballs: Johan Cruyff setzte in der Vorbereitung der EM 1976 beim neuen Bondscoach Georg Knobel durch, dass Spieler im Trainingslager rauchen durften. Knobel war damals faktisch nur für die Aufstellung verantwortlich, alle anderen Kompetenzen waren ihm entrissen worden.
  • Luca Toni wird von seinen italienischen Landsleuten «l’Armadio» genannt: «der Schrank».
  • Als Griechenland vor vier Jahren die EM gewann, lagen die Wettquoten im Vorfeld bei 81:1. Heute hat Österreich exakt die selbe Quote.
  • «Der Zweck heiligt die Mittel», dachten sich die Spanier bei der EM-Quali 1976 und statteten vor dem Auftaktspiel gegen Dänemark den Argentinier Roberto Martínez mit einem gefälschten spanischen Pass aus. Es sollte sich lohnen, Martínez schoss das Siegtor.
  • Ginge es nach der FIFA-Weltrangliste, dann würde Deutschland dritter (5. der FIFA-Liste). Das Finale würde Italien (#3) gegen Spanien (#4) gewinnen.

Deutschland gegen Serbien. Die Deutschen in der Einzelkritik

31. Mai 2008

Tor

Jens Lehmann: Beim Gegentor chancenlos, ansonsten mit wesentlichen Verbesserungen gegenüber Weißrussland. In dieser Form annehmbar, aber noch nicht perfekt. Muss sicherer und reaktionsschnellerer werden.

Abwehr

Marcell Jansen: Einer der besten Akteure auf dem Feld. Hatte Pech, dass in der ersten Halbzeit fast alle Angriffe über die rechte Seite vorgetragen wurden, denn links stand er immer frei und bereit. Wenn er angespielt wurde, zeigte er sehenswerte Vorstöße nach vorn. Hinten zweikampfstark und gut im Stellungsspiel, nach vorne mit schnellen Vorstößen und gefährlichen Flanken. Eine sehr gelungene Interpretation der Außenverteidiger-Rolle! Wurde angeschlagen ausgewechselt, blutete am Knöchel. Für ihn kam Westermann.

Per Mertesacker: Nicht so auffällig gut wie gegen Weißrussland. Musste diesmal nicht zu Hochform auflaufen, um die Abwehr zusammenzuhalten. Einziger Fehler: Arbeitete beim Gegentor nicht gegen den Ball (was allerdings Metzelder tat und damit hauptsächlich zur Entstehung des Gegentores beitrug). Wurde zur Halbzeit herausgenommen, um ihm eine kleine Verschnaufpause zu gewähren.

Christoph Metzelder: Weniger oft gefordert als gegen Weißrussland. Konnte die Kritik an ihm nicht entkräften, das Gegentor geht zu großen Teilen auf seine Kappe, da er sich nicht auf seinen Gegenspieler konzentrierte und gegen den Ball arbeiten wollte. Spielte auffällig viele Sicherheitspässe auf Lehmann. Mit Verbesserungen, aber noch nicht in Top-Form.

Philipp Lahm: Als Rechtsverteidiger ansprechend. Interpretierte seine Rolle aber wie zuletzt schon eher defensiv. Der Offensivwirbel der WM ist offensichtlich Vergangenheit. Ging zur Halbzeit.

Arne Friedrich: Kam zur Halbzeit für Mertesacker. Unauffällige Partie des Berliners, präsentierte sich als brauchbare Alternative für die Innenverteidigung.

Heiko Westermann: Kam in der 84. Minute für den angeschlagenen Janssen. Konnte sich in der kurzen Zeit nicht besonders hervortun, weder positiv noch negativ.

Mittelfeld

Torsten Frings: Der Zweikämpfer im Mittelfeld. Konnte dem Spiel nicht so sehr seinen Stempel aufdrücken wie gegen Weißrussland. Muss sich beim Gegentor vorwerfen lassen, nicht frühzeitig gegen dessen Entstehen vorgegangen zu sein. Ging nach 70 Minuten.

Michael Ballack: Eindeutig der Kopf des deutschen Spiels und der «Man of the match». Hat die Ausstrahlung des unumstrittenen Mannschaftskapitäns. Warf sich engagiert in die Zweikämpfe, zeigte Biss und Siegeswillen. So muss ein Kapitän agieren! Pendelte ständig zwischen Abwehr und Angriff, wühlte sich immer wieder in die serbische Defensive, zeigte aber auch öfters Übersicht und band die Außen ins deutsche Spiel ein. Das Freistoßtor war der gerechte Lohn für seine Mühen. Mit diesem Kapitän sind wir bereit für den EM-Titel!

Bastian Schweinsteiger: In der ersten Halbzeit im linken Mittelfeld, nach dem Wiederanpfiff im rechten Mittelfeld. Spielte ordentlich, war aktiv, agil und anspielbar, wurde allerdings oft gefoult. Fraglich, ob er das komplette Turnier schadlos übersteht, wenn er in jedem Spiel so auf die Socken bekommt. Ging nach 79 Minuten.

Clemens Fritz: Zeigte, dass er eher in der Abwehr zuhause ist als im offensiven Mittelfeld. Konnte sich nur selten gegenüber dem starken serbischen Defensivverbund durchsetzen. Wurde oft angespielt, kam aber eher selten zu bemerkenswerten Hereingaben. Eher ein Kandidat für die rechte Abwehr oder eine sehr defensive Mittelfeldinterpretation. Rutschte nach der Halbzeit hinten rechts in die Viererkette, wo er angenehm zuverlässig agierte. Stand einmal unglücklich einem aussichtsreichen Ballack-Freistoß im Weg – da müssen noch Standardsituationen und deren Laufwege geübt werden.

Lukas Podolski: Kam in der zweiten Halbzeit und mischte das linke Mittelfeld auf. Sehr belebend, immer wieder mit schönen Antritten und Flanken, wagte sich auch immer wieder an die Strafraumgrenze, um einmal selbst einen Schuss aus der Halbdistanz zu wagen. Sehr ansprechend! Für eine offensive Variante der linken Mitteldposition sicherlich die erste Wahl.

Simon Rolfes: Kam 20 Minuten vor Schluss für Frings. Fügte sich bemerkenswert gut in das laufende Spiel ein. Keine Ausrutscher und keine Glanztaten, präsentierte sich eher als sinnvoller Ersatz.

David Odonkor: Sollte zehn Minuten vor Schluss das rechte Mittelfeld beleben. Zeigte, dass er auch Sprintduelle gegen namhafte Verteidiger wie Vidic gewinnen kann. Gefiel, obwohl er an den entscheidenden Szenen nicht beteiligt war.

Sturm

Kevin Kuranyi: Hatte es mit seiner körperbetonten Spielweise gegen eine ebenfalls körperbetonte Abwehr sehr schwer. Ackerte immer wieder, zeigte aber auch, dass seine Technik nicht das Gelbe vom Ei ist. Vor allem bei Ballannahmen musste er sich oft den serbischen Innenverteidigern geschlagen geben. War aber wegen seiner Spielweise von vornherein im Nachteil, eher ein Kandidat für die Einwechselung, wo er als Brecher gegen eine nicht so phyische Abwehr mehr ausrichten kann. Musste für Neuville gehen.

Mario Gomez: Überstand eine Woche vor der EM die Feuertaufe, nämlich mit Vidic einen der Verteidiger höheren Niveaus als direkten Gegenspieler. Konnte zwar kein Tor erzielen, arbeitete aber immer hart daran. Agiler und dynamischer als Kuranyi, wirkte immer einen Tick gefährlicher und bedrohlicher als der oftmals abgemeldete Schalker. Konnte sich immer wieder gegen Vidic durchsetzen und ihn abschütteln. In der Gruppenphase werden die Verteidiger ein niedrigeres Niveau haben und Gomez ein Tor erzielen oder vorbereiten. Gefällt! Ein Kandidat für die Stammelf!

Oliver Neuville: Der typische Jogi-Löw-Joker. Kam zwanzig Minuten vor Schluss und erzielte vier Minuten später den Ausgleich. Die von Löw versprochenen unkonventionellen Laufwege scheinen der Realität zu entsprechen. Konnte den Eindruck ausräumen, dass seine Nominierung ein Geschenk des Bundestrainers war. (Neuville ist in Ascona, dem Teamquartier der Deutschen, geboren, seine Mutter und sein Sohn leben dort und er fährt regelmäßig dorthin. Außerdem wird es sein letztes internationales Turnier sein.)

Deutschland gegen Serbien – Das letzte Testspiel vor der EM

31. Mai 2008

Wie lief das Spiel?
Zu Beginn konnte man ein offenes Spiel beobachten. Deutschland druckvoll und strukturiert, um Welten besser als gegen Weißrussland. Die Pässe kamen an, die Defensive schien weniger wackelig. Das Gegentor in der 18. Minute zerstörte die deutschen Bemühungen etwas, auf das kurze Aufbäumen folgte eine eher mäßige Phase, in der Deutschland nicht mehr die Laufbereitschaft an den Tag legte wie am Anfang des Spiels. Dies zog sich bis in die zweite Halbzeit, obwohl Podolski im linken Mittelfeld spürbar Belebung brachte. Über die linke Seite fiel – eingeleitet durch Jansen – schließlich das hoch verdiente Ausgleichstor durch Neuville. Deutschland hatte zurück ins Spiel gefunden, hatte eindeutig die Oberhand, konnte diese jedoch zu wenig in Tore umsetzen. Alleine in der ersten Halbzeit hatte Deutschland fünf Großchancen (u.a. ein nicht gegebener Elfmeter gegen Frings und ein von der Linie gekratzter Ballack-Kopfball), während es auf serbischer Seite nur deren zwei zu sehen gab – trotzdem führte Serbien.
Nach dem Ausgleich wurde Serbien nie mehr wirklich gefährlich, Löw erhöhte durch die Einwechslung von Odonkor abermals den Druck. Letztlich führte ein Freistoß von Ballack zum Siegtreffer, den sich der Kapitän durch zahlreiche Aktionen zuvor redlich erarbeitet hatte.
Insgesamt war Deutschland überlegener als es das Ergebnis Glauben macht. Eine solide Leistung kurz vor der EM.

Wie war Metzelder?
Er sagte es im Interview danach selbst: «Besser, aber noch nicht gut genug.» Das Gegentor geht für mich auf seine Kappe, er stand mit dem Rücken zum Tor, als ob er gegen den Ball arbeiten wollte. Allerdings war das in diesem Moment nicht seine Aufgabe, denn er hatte einen gegnerischen Stürmer an seiner Seite. Mertesacker, der in dieser Situation keinen direkten Gegenspieler hatte, hätte gegen den Ball arbeiten können, aber nicht Metzelder. Der muss alles tun, um seinen Mann an der Spielteilnahme zu hindern. Der grobe Schnitzer des Real-Verteidigers: Rücken zum Tor, er kann das Sprintduell um den in die Gasse gespielten Ball also gar nicht gewinnen, weil er sich erst drehen muss. Eindeutig sein Fehler.
Insgesamt präsentierte sich Metzelder aber besser als gegen Weißrussland (auch wenn das Gegentor erzielt wurde, indem die schon beim letzten Testspiel kritisierte Nahtstelle in der Innenverteidigung geknackt wurde). Für die EM sehe ich also ganz gute Chancen, dass er in Normalform antreten kann.

Was hat sich im Vergleich zu Weißrussland getan?
Die Laufbereitschaft war da, die Pässe kamen konzentrierter. Insgesamt schien die Mannschaft besser vorbereitet und konnte den Druck auch über nahezu neunzig Minuten halten. Die einstudierten Spielzüge in der Offensive funktionieren, die Laufwege auch.
Man muss sich fragen, was zu dieser Verbesserung führte: Das harte Training vor dem Weißrussland-Spiel oder tatsächlich die eine Woche gemeinsamer Arbeit? Wie so oft wird es eine Mischung aus beidem sein, aber für die bessere Koordination des Spiels halte ich die Trainigswoche für ausschlaggebend. Hoffen wir, dass Joachim Löw in der ihm verbleibenden Woche bis zum EM-Auftakt noch ähnlich beeindruckende Verbesserungen bewirken kann.

Was muss sich bis zum Polen-Spiel tun?
Die Nahtstelle in der Innenverteidigung muss geflickt werden. Der Druck auf den Gegner muss auch wirklich neunzig Minuten aufrecht erhalten werden können und darf nicht irgendwann vor der Halbzeitpause nachlassen. Der Sturm muss auch gegen eine defensive Elf wirklich für Tore sorgen können. Standardsituationen müssen trainiert werden.

Wie war Steffen Simon?
Ein angenehmer Kommentator. Lässt das Spiel auch gern einmal laufen, redet wenig Blödsinn. Andererseits: Eine schlechte Tonregie. Ich hasse es, wenn man bei den Hymnen den Praktikanten mal austesten lässt, welche aufgenommene Tonspur die klanglich beste ist.

Wer spielt gegen Polen?
Mein Tipp: Lehmann – Jansen, Metzelder, Mertesacker, Lahm – Schweinsteiger, Frings, Ballack, Fritz – Klose, Gomez. Eine eher unspektakuläre Variante, die wohl an allen Ecken und Enden durchs Netz geistern dürfte, aber es ist momentan die wahrscheinlichste Konstellation. Eine Möglichkeit wäre noch ein früh für Schweinsteiger eingewechselter Podolski.

Breaking News: adidas-Schuhe für die Teamquartiere auf dem Weg nach Österreich

31. Mai 2008

Ich wohne in der Nähe von Herzogenaurach, der Heimatstadt der beiden großen Sportartikelhersteller adidas und Puma. Und heute mittag bin ich kurz nach Herzogenaurach gefahren, um nach T-Shirts für den Sommer zu suchen. Auf dem Weg vom adidas-Outlet zum Puma-Outlet habe ich aus Zufall gesehen, wie die Hälfte der von adidas für alle Teamquartiere versprochenen überdimensionalen Fußballschuhe sich auf den Weg Richtung Österreich/Schweiz machte.

Die Schuhe sind etwa drei Meter lang und an der höchsten Stelle wohl etwa 1,80 bis zwei Meter hoch, sind farbenprächtig gestaltet und an die Nationaltrikots der jeweiligen Länder angelehnt. Zu sehen bekam ich unter anderem die Schuhe für Russland, Kroatien, Rumänien. Die insgesamt acht Schuhe waren auf einen LKW gepackt, mit dem normalerweise Autos transportiert werden (ihr wisst schon: die, die hinten offen sind).