Seit heute befindet sich die deutsche Nationalmannschaft im Trainingslager auf Mallorca. Die Euro 2008 ist das erste Team ohne Jürgen Klinsmann, aber mit wesentlichen Teilen von dessen ehemaligem Trainerstab.
Man hätte es wohl vor der WM 2006 nicht für möglich gehalten, dass Jürgen Klinsmann als Bundestrainer eine solche Beachtung erfahren würde. Wenige Monate zuvor hatte die deutsche Nationalmannschaft gegen Italien desaströs gespielt und völlig verdient hoch verloren. Klinsmann stellte im DFB die System-Frage, wollte alles und bekam vieles. Aber Erfolge, die konnte er vor dem Turnier in der Heimat nicht vorweisen.
Im Nachhinein jedoch, da war sich jeder sicher, hatte Klinsmann alles richtig gemacht. Er hatte im Altherrenklub DFB die Fenster weit aufgestoßen und frischen Wind hineingebracht, er hatte es geschafft, eine Nationalmannschaft komplett umzukrempeln. 2004 war Deutschland bei der Europameisterschaft in Portugal als Vizeweltmeister angetreten und in der Vorrunde ohne Sieg und mit nur zwei Punkten auf dem Konto ausgeschieden. Die von Rudi Völler trainierte Mannschaft spielte energie- und ideenlos und man befürchtete für die WM in Deutschland zwei Jahre später das schlimmste. Da kam Klinsmann, der Reformer, gerade recht. Bereitwillig ließ sich der DFB generalüberholen, man ließ Klinsmann fast freie Hand. Zur Belohnung hob er ein Team aus der Taufe, das vier Wochen lang eine komplette Nation begeisterte; ein Team, das während des Turniers Emotionen weckte, wie wohl kein zweites. Für ein paar Wochen im Sommer 2006 schien die Sonne in Deutschland – vom Himmel und in den Herzen der Menschen, die auf einmal überhaupt nicht mehr nörglerisch waren. Man war für die Nationalelf, keine Frage. Man schwenkte sein Deutschlandfläggchen, keine Frage. Klinsmann hatte alles richtig gemacht, keine Frage.
Die Niederlage gegen Italien im Halbfinale geschah auf passende Weise: Im Vorfeld wurde in den Medien kolportiert, dass die Italiener es geschafft hätten, Torsten Frings nachträglich eine gelbe Karte zu verpassen und damit einen der besten deutschen Spieler, der im defensiven Mittelfeld für Stabilität sorgte und sich um den Spielaufbau kümmerte, für das Italien-Spiel aus dem Verkehr zu ziehen. Deutschland schaffte es in die Verlängerung, in den letzten Minuten – manch einer war zuhause auf dem Sofa gedanklich schon beim Elfmeterschießen – kegelten die Italiener Deutschland durch zwei Tore in drei Minuten aus dem Turnier. Die Enttäuschung riesig. Das Spiel um den dritten Platz gewonnen. Lieber Dritter als Petze.
Noch mehr zur Legendenbildung trug der Sönke-Wortmann-Film Deutschland. Ein Sommermärchen bei. Klinsmann gibt gar nicht vor, alles zu können, sondern zieht lieber einen großen Stab mit Fachleuten heran. Er selbst konzentriert sich vor allem auf die Motivation des Teams, kümmert sich darum, dass die Atmosphäre entspannt, aber produktiv ist. Die Taktik liegt weitgehend in den Händen von Co-Trainer Joachim Löw und Chefscout Urs Siegenthaler. Deswegen ist man auch nicht bange, als Klinsmann nach der WM zurücktritt und seinen Assistenten Löw als neuen Nationaltrainer installiert. Durch gute Spiele werden die Bedenken der Medien zerstreut, Löw ist beliebt, vielleicht sogar beliebter, als es Klinsmann war. Von Löw kennt man die högschde Disziplin, was kennt man von Klinsmann? Vielleicht den Capitano, vielleicht seine markige Ansage vor dem Polen-Spiel. Aber die eine Aussage, die einem bei Klinsmann in den Kopf kommt, gibt es nicht.
Aber jetzt naht das nächste Turnier und eine Frage bleibt offen: Wie wichtig war Klinsmann für die WM? Hat er es geschafft, einen sehr guten Trainerstab zusammenzustellen und die richtige Arbeitsatmosphäre zu schaffen? Oder war er das Mastermind, das sich von allen Experten zuarbeiten lässt und alles zu einem stimmigen Bild zusammenfügt, die Mischung und damit das Endprodukt wesentlich bestimmt?
18 Tage bis zur Euro 2008, das sind nicht einmal drei Wochen. Wie wird Löw motivieren, jetzt, im ersten Turnier nach Klinsmann? Mit dem eher brav wirkenden Co-Trainer Hansi Flick sicher nicht. Es sieht so aus, als müsste Löw selbst ran – aber ist das eine Option? Viel wahrscheinlicher wirkt da die Variante, dass die Klinsmann’sche Kampfrhetorik aus der deutschen Kabine verschwindet, Löw bei seinem sachlichen Stil bleibt, diesen vielleicht etwas aufpeppt. Dennoch: Im Kern bleibt Löw nüchtern. Dies mag in Zeiten, in denen die Erwartungen nach der letzten Weltmeisterschaft sehr hoch sind und in denen auch die deutsche Nationalmannschaft antritt mit dem festen Ziel vor Augen, das Turnier zu gewinnen, dies mag in diesen Zeiten auch die richtigste aller Entscheidungen sein. Das Umfeld der Nationalmannschaft wird es nicht zulassen, dass die Spieler unmotiviert auf den Platz gehen. Die Anspruch, die Erwartungshaltung ist riesig. Klinsmann musste 2006 dafür sorgen, dass seine Elf nicht unter dem enormen Druck von allen Seiten (WM im eigenen Land, Ziel WM-Titel, Niederlage gegen Italien wenige Monate zuvor) zusammenbricht, er musste sie in eine Richtung lenken; in eine Richtung, in der sie ihren Druck kanalisieren und abbauen können. Bei Löw und der Euro wird das nicht mehr der Fall sein. Die Muster und Methoden sind von der WM erprobt, wo der Teamgeist und das gemeinsame Erleben kultiviert wurde. Da könnte es jetzt tatsächlich ganz nützlich sein, wenn Löw vor dem Spiel in der Kabine nicht für Stimmung sorgt, sondern lieber noch einmal auf die Taktik verweisen. Wie man sich motiviert, haben die Spieler ja schon vor zwei Jahren von Klinsmann gelernt.