Der endgültige deutsche Kader

28. Mai 2008

Als der von Zahnschmerzen gepeinigte Joachim Löw heute mittag die Katze aus dem Sack ließ, staunte so mancher vermeintliche Fußballkenner nicht schlecht. Aus dem 26 Mann starken Kader mussten drei Spieler verschwinden – die Wahl fiel auf Jermaine Jones, Patrick Helmes – und auf den von Löw zuvor vielfach gelobten Marko Marin.

Tor
Jens Lehmann (FC Arsenal): Wurde unter Löw zum Stammtorhüter der Nationalmannschaft. Klebt nicht an der Linie, sondern glänzt durch Strafraumbeherrschung. In seinem Verein nur Ersatz, spielte deswegen unregelmäßig. Zuletzt war ihm die fehlende Spielpraxis deutlich anzumerken, war wackelig.
Robert Enke (Hannover 96): Von Fans und Kollegen sehr geschätzt. Diszipliniert, kann eine Abwehr organisieren. Könnte Lehmanns Nachfolger nach der EM werden.
René Adler (Bayer Leverkusen): Neben Manuel Neuer einer der besten jungen deutschen Torhüter. Spielte eine nahezu fehlerfreie Saison, der Lohn ist der EM-Kader. Kann sich ebenso wie Enke Hoffnungen machen, Lehmanns Nachfolger zu werden. Langfristig wird er wohl auch in der Nationalmannschaft zum Stammspieler werden.

Abwehr
Christoph Metzelder (Real Madrid): Als verletzungsanfällig verschriehen. Mit Mertesacker 2006 eine ideale Innenverteidigung, sucht nach längerer Verletzungspause noch nach seiner EM-Form. Im Moment nicht auf dem Maximum seines Könnens.
Per Mertesacker (Werder Bremen): Zeigte bereits gegen Weißrussland, dass er in EM-Form ist. Spielt mit Körpereinsatz, aber fair und erfüllt damit genau die Anforderungen, die Löw an einen Defensivspieler hat. Gutes Stellungsspiel, aber im Duell mit kleineren Stürmern oft nicht der schnellste und wendigste. Im Moment trotz seiner 23 Jahre der mit Abstand beste deutsche Verteidiger.
Philipp Lahm (Bayern München): Hat den Anspruch, die rechte Abwehrseite zu beackern. Auch er ist noch nicht in der WM-Form, dazu fehlt ihm vor allem die Zweikampfstärke, die ihn damals auszeichnete.
Arne Friedrich (Hertha BSC Berlin): Als rechter Außenverteidiger und in der Innenverteidigung einsetzbar. Vorerst wohl auf der Bank. Intepretiert den Außenverteidiger eher defensiv, seine Vorstöße nach vorne fruchten oft nicht. In der Innenverteidigung bei Hertha BSC solide.
Marcell Jansen (Bayern München): Eine der Überraschungen der WM 2006, hat sich bei Bayern aber nicht wie erhofft weiterentwickelt. Das Lahm-Pendant für die linke Außenverteidigung. Üblicherweise in der Abwehr überzeugender als im Angriff.
Clemens Fritz (Werder Bremen): Bei Bremen einer der wenigen mit konstanter Form. Rechter Außenverteidiger bzw. Mittelfeldspieler. Gefiel mir in der Abwehr aber etwas besser. Einer der besseren deutschen Spieler.
Heiko Westermann (Schalke 04): Hat sich zu einem soliden Innenverteidiger entwickelt, der auch rechts spielen kann. Überzeugt durch Kopfballstärke.

Mittelfeld
Michael Ballack (FC Chelsea): Der unumstrittene Anführer der deutschen Nationalmannschaft. Präsentierte sich zuletzt zweikampfstark und als guter Passverteiler. Kann die Mittelfeldrolle offensiver und defensiver interpretieren. Schaltet sich immer wieder in den Angriff ein. Der beste Deutsche!
Thomas Hitzlsperger (VfB Stuttgart): Bei der WM 2006 nur mit wenigen Minuten Einsatzzeit, entwickelte sich danach aber prächtig. Mittelfeldallrounder, bevorzugt aber defensiv vor der Abwehr oder halblinks. Mächtige Distanzschüsse und Freistöße, oft auch sehr kluges Passspiel in die Spitze.
Simon Rolfes (Bayer Leverkusen): Spielte in Leverkusen eine gute Saison. Wie Hitzlsperger Mittelfeldallrounder. Sein Stammplatz wird wohl die Bank sein, mit einigen Einwechslungen ist jedoch zu retten. Kann ein Mittelfeld stabilisieren, kommt oft ohne Foulspiel aus.
Torsten Frings (Werder Bremen): Mit Ballack eine Macht im Mittelfeld! Frings bleibt weiter hinten, wenn der Kapitän sich in die Spitze begibt. Harmonieren prächtig. Zudem mit unfassbaren Zweikampfwerten, unglaublichem Willen und gefährlichen Standardsituationen. Eindeutig gesetzt.
Bastian Schweinsteiger (Bayern München): Im linken offensiven Mittelfeld anzutreffen. Hatte bei Bayern oft Ribery vor sich, konnte sich nicht wie erhofft weiterentwickeln. Sollte manchmal direkter spielen. Wahrscheinlich Stammspieler.
Piotr Trochowski (Hamburger SV): Einer der Wackelkandidaten. Als langsam verschriehen. Konnte jedoch im Testspiel gegen Weißrussland Punkte sammeln durch eine ordentliche Gestaltung der deutschen Angriffsbemühungen. Wohl der Schweinsteiger-Ersatz.
Tim Borowski (Werder Bremen): Zuletzt grippegeschwächt. Normalerweise Ballack-Ersatz. Kann gut mit Frings. Etwas weniger offensiv als Ballack.
David Odonkor (Betis Sevilla): Spielerisch limitiert auf Sprints an der rechten Außenbahn, dadurch zunehmend ausrechenbar (die Italiener fanden im Halbfinale der WM von vor zwei Jahren ein Mittel, um Odonkor nicht ins Spiel kommen zu lassen). Der klassische Joker, der die Offensive beleben soll. Zweifelhaft, ob er wieder so einschlagen wird wie bei der WM.

Sturm
Miroslav Klose (Bayern München): Im Formtief, aber zuletzt wieder besser. Traf gegen Weißrussland. Wohl gesetzt.
Lukas Podolski (Bayern München): Dynamisch, kann auch im Mittelfeld spielen. Immer mit viel Wille, immer mit viel Druck nach vorne. Podolski ist der Stürmer, der eingewechselt wird, um in einen vom Gegner gut unter Kontrolle gehaltenen Sturm frischen Wind zu bringen.
Mario Gomez (VfB Stuttgart): Eine Art moderner Gerd Müller mit unglaublicher Torquote. Wahrscheinlich Kloses Sturmpartner.
Kevin Kuranyi (Schalke 04): Körperbetontes Spiel mit viel Einsatz, aber latenter Abschlussschwäche. Wird wohl keinen Platz in der Stammelf ergattern können. Wie Klose ein Kopfballspezialist.
Oliver Neuville (Borussia Mönchengladbach): Wohl wegen dem WM-Bonus nominiert worden. Erfahren, der klassische Joker für den Sturm. Über 90 Minuten in der Regel weniger effektiv. Löw: “Neuville hat oft bewiesen, wie wichtig er ist, auch bei der WM 2006. Er ist in der Lage, ungewöhnliche Wege zu gehen und sich dahingehend ein wenig zu unterscheiden von den anderen Stürmern.”

Die drei Gestrichenen
Bezeichnenderweise trugen sie im gestrigen Testspiel gegen Russland schon die Rückennummern 24 bis 26. Ein Zeichen von Löw?
Patrick Helmes (1. FC Köln): Dynamischer Stürmer vom Typ Neuville, allerdings mit weniger Erfahrung. Agiler als Neuville, deswegen ist seine Nichtnominierung etwas unverständlich. Ein Mann für die Zeit Post-Neuville.
Jermaine Jones (Schalke 04): Einer der vielen zentralen Mittelfeldspieler. Löw: “Wir haben im Mittelfeld im zentralen Bereich ein Überangebot – mit Ballack und Frings, dazu Rolfes und Hitzelsperger.” Dazu wäre noch Jones gekommen – etwas zu viel. Neigt zum Foulspiel, deswegen kein Lieblingsspieler von Löw. Ein guter Zerstörer neben Frings, wäre wohl eine gute Option gewesen. Aber: Zweikampfverhalten passt nicht zur Philosophie des Bundestrainers.
Marko Marin (Borussia Mönchengladbach): Überraschende Berufung in den vorläufigen Kader, wurde dann auch schnell als einer der sichersten Kandidaten für den finalen Kader gesehen. Löw: “Eine EM läuft auf ganz hohem Niveau, auch körperlich. In dieser Hinsicht muss er noch aufholen. Der Weg von der Zweiten Liga zu einer EM – der ist für ihn im Moment einen kleinen Schritt zu groß.” Rannte sich gegen Weißrussland immer wieder fest, band drei bis vier Gegner auf sich, verpasste aber stets den Pass in den sich nun öffnenden Freiraum. Wenn er das beherrscht, ist er 2010 garantiert dabei.

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