Auf die deutsche Defensive war bei der WM 2006 immer Verlass. Mertesacker und Metzelder in der Innenverteidigung funktionierten, obwohl es zuvor unsicher war, ob Metzelder bis zum Turnier nach einer längeren Verletzung wieder in Form kommen würde.
Zwei Jahre später. Metzelder vor dem Turnier wieder verletzt, wieder die gleiche Frage: Wird die deutsche Abwehr halten? Joachim Löw hat im Trainingslager knapp kalkuliert, hat keinen Streichkandidaten für die Defensive berufen, um den Konkurrenzkampf zu erhöhen.
Immer wieder wird in der Presse die Möglichkeit lanciert, den Neuling Westermann neben den sicheren Mertesacker zu setzen. Ein Blick auf den deutschen Kader soll mehr verraten. Was sind die Möglichkeiten für die deutsche Abwehr bei der EM?
Viererkette mit Jansen, Metzelder, Mertesacker, Lahm. Diese Variante wurde im Testspiel gegen Serbien erprobt. In der zweiten Halbzeit nahm Clemens Fritz die Position des rechten Außenverteidigers ein, die vorher Lahm bekleidet hatte. Allerdings heißt es, dass Fritz als Ersatz für Schneider im rechten Mittelfeld vorgesehen ist; dort konnte er zuletzt allerdings nicht überzeugen. Deswegen wäre es auch theoretisch möglich, eine Abwehr bestehend aus Jansen, Metzelder, Mertesacker, Fritz aufzubieten, für Fritz könnte Lahm im rechten Mittelfeld spielen (einen Versuch wäre es wert). Gleichzeitig würde die Abwehr dadurch an Stabilität gewinnen, dass Mertesacker und Fritz bei Werder Bremen genau die gleichen Positionen wie in der Nationalmannschaft besetzen würden, eine gewisse Eingespieltheit der beiden wäre also gegeben (in der ersten Variante würde dies auf die beiden Außenverteidiger Jansen und Lahm zutreffen, aber aufgrund ihrer eher großen Entfernung auf dem Spielfeld erscheint der vermeintliche Vorteil hier eher unwesentlich).
Bleibt die Frage: Was ist mit Heiko Westermann und Arne Friedrich? Westermann kann auf der linken Flanke und als Innenverteidiger spielen. Im Zentrum der Abwehr sieht sich auch Friedrich, der aber auch auf den rechten Flügel ausweichen kann. Allerdings haben sowohl Westermann als auch Friedrich auf den Außenpositionen mit Jansen, Fritz und Lahm (der links und rechts spielen kann) starke Konkurrenz vor sich. Hier scheint es wahrscheinlicher, dass sie als Ersatz für die Innenverteidigung zum Einsatz kommen. Vor allem Friedrich untermauerte hier mehrmals seine Ansprüche – und der Berliner zeigte sich in den letzten Spielen solide und auf jeden Fall abgeklärter als Metzelder.
Zaubert Joachim Löw im Spiel gegen Polen eine neue Variante aus dem Hut? Über Westermann wird viel gemunkelt, bei Friedrich brodelt die Gerüchteküche nicht. Ein Fehler? Immerhin war er ein Teil der Mannschaft 2006, wenn auch als rechter Verteidiger. Ich denke, Friedrich wird Einsatzminuten sammeln können, als ihm so mancher zutraut. Gerade bei knappen Führungen kann es für Löw eine Option sein, den zuletzt eher unsicheren Metzelder aus dem Spiel zu nehmen, um hinten eine Gefahrenquelle zu beseitigen, und für ihn Friedrich zu bringen.
Thomas Hitzlsperger war gegen Weißrussland der Notnagel als linker Außenverteidiger, da sowohl Jansen als auch Westermann ausfielen. Der Stuttgarter hatte bereits beim Confed Cup 2005, also gleich zu Beginn der Amtszeit Klinsmanns, dort gespielt, unterstrich im Spiel vor einer Woche allerdings, dass er eher ins Mittelfeld gehört. Ein schwaches Stellungsspiel und wenig überzeugende Zweikampfwerte führen dazu, dass Hitzlsperger hinten links wohl eher eine theoretische Option als eine echte Alternative ist.
Aus dem deutschen Mittelfeld scheint derzeit niemand zum Ersatzverteidiger mutieren zu können. Frings und Rolfes spielen zwar im defensiven Mittelfeld, doch vor allem Rolfes interpretiert seine Rolle eher offensiv mit vielen Vorstößen in Richtung gegnerischer Strafraum.
Eine Möglichkeit gäbe es allerdings noch, mit der Joachim Löw ausnahmslos alle überraschen könnte. Bei Gegner, die mit nur einem Stürmer spielen oder die allgemein sehr defensiv agieren, und bei Spielständen, die dringend ein Tor für Deutschland erfordern, könnte Löw angesichts seines breit aufgestellten Mittelfeldes hinten auf eine Dreierkette umstellen und davor zwei defensive Mittelfeldspieler platzieren. Geopfert würde für diese Variante ein physisch eher schwacher Philipp Lahm, während drei körperlich dem Gegner überlegene Abwehrspieler hinten aufpassen sollen. Davor könnten Frings und wahlweise Ballack oder Hitzlspeger abräumen und eine offensivere Variante des Spiels betreiben. Deutschland kann durch dieses 3-5-2 Überlegenheit im Mittelfeld aufbauen und so vielleicht einige Gegner gut in der eigenen Hälfte binden.
Natürlich benötigt eine Dreierkette Abstimmung und mehrere Praxistests, aber eine Woche Training unter Ausschluss der Öffentlichkeit und das Trainingslager auf Mallorca sollten genügend Chancen bieten, dieses Thema auf die Tagesordnung zu bringen. Löw, der beim DFB vor allem als Defensiv-Stratege mit Gespür für Räume, Abstände, Laufwege und Zuordnung bekannt ist, wird es schon verstehen, die deutsche Abwehr auf ein solches Szenario vorzubereiten – wenn er es denn selbst im Hinterkopf hat.
In Löws Kopf kann niemand hineinblicken und die Nationalmannschaft selbst übt im Verborgenen. Am Sonntag wird feststehen, was dem Bundestrainer vorschwebt – er hatte ja jetzt genügend Zeit, sich Gedanken über Alternativen zu machen und diese auch in der Praxis zu erproben.


