Archiv für 7. Juni 2008

Schweiz verliert Eröffnungsspiel der EM 2008

7. Juni 2008

Schweiz
Foto: Von lembagg unter einer CreativeCommons-Lizenz auf flickr.com veröffentlicht.

Eigentlich hätten sie drei Punkte verdient gehabt, die tapfer kämpfenden Schweizer, die so schwer vom Schicksal gebeutelt wurden. Erst die Aufregung um die Gattin von Nationaltrainer Köbi Kuhn, die nach einem epileptischen Anfall im Krankenhaus liegt. Und jetzt Alexander Frei, dessen Innenband im Knie im ersten Spiel der Europameisterschaft riss und der nun für den Rest des Turniers zuschauen muss.
Die Schweizer haben üblicherweise eine solide Spielanlage. Senderos in der Innenverteidigung ist ein stabiler Turm in der Abwehrschlacht, Barnetta der Antreiber im Mittelfeld, Frei der Vollstrecker im Angriff. Von diesem Trio funktionierte lediglich Senderos einwandfrei. Barnetta hechelte seiner Form hinterher, ließ präzise Zuspiele vermissen. Und Alex Frei ist ein Kapitel für sich: häufig verletzt, hatte sich kurz vor der EM wieder herangekämpft, war Kapitän, Leitfigur und seit dem Testspiel gegen Liechtenstein auch Rekordtorschütze. Ein Mann, dem man einfach zutraut, den Ball irgendwie ins Tor bugsieren zu können. Und genau dieser Frei fiel verletzt aus. Ein normaler Zweikampf kurz vor dem Halbzeitpfiff, Freis rechtes Knie verdrehte sich, er wand sich vor Schmerzen am Boden, voyeuristisch hielten die Fernsehkameras auf den Schweizer, der wohl selbst wusste, dass diese EM für ihn nach nicht einmal 45 Minuten bereits gelaufen war und darüber bitterlich weinte.

Die erste Hälfte der Partie war zerfahren. Schweiz und Tschechien bemühten sich um ein Offensivspiel, dem Gastgeber gelang es besser. Kurz vor der Halbzeit dann der Schock, Frei verletzte sich. In der Pause schienen sich die Eidgenossen dann gesammelt zu haben, für Frei kam Hakan Yakin, der sich sofort dynamisch in das Spiel einband. Die Schweiz drückte, stand kurz vor dem Tor. Dieses jedoch schoss Tschechien durch den für Jan Koller eingewechselten Vaclav Sverkos. Nach der Führung war Brückners Elf im Aufwind, spielte besser mit und wagte sich auch wieder aus der Defensive. Gegen Ende sollte die Schweiz wieder die Oberhand gewinnen, spielte mit Verve; auffällig waren jedoch die unpräzisen Pässe. Man fand kein Mittel gegen die konzentrierte Verteidigung der Tschechen, alle Angriffe blieben kurz vor dem Strafraum stecken. Daran schuld war vor allem Marco Streller, der Stoßstürmer der Schweiz, der zu keinem Zeitpunkt Bindung ans Spiel fand. Wenn er angespielt wurde, beförderte er den Ball ins Aus. Die Schweiz braucht dringend einen torgefährlichen Angreifer, der sich Bälle erlaufen kann, ein Typ Lukas Podolski oder eben Vaclav Sverkos. Allerdings hat Kuhn nur drei Stürmer nominiert: der jetzt verletzte Frei, der schlechte Streller und der junge Derdiyok. Sieht wohl so aus, als müssten andere die Tore machen – sonst scheidet die Schweiz schon in der Vorrunde aus.
Beide Seiten wagten kaum Distanzschüsse, womit zumindest ich nicht gerechnet hatte. Der Spielball war im Vorfeld als flatterig und schwierig für Torhüter bezeichnet worden, Torwart Cech gab zu, sich bei der Flugbahn des Balles nicht einmal auf den letzten fünf Metern sicher zu sein; zahlreiche Tore aus der Distanz wurden in Aussicht gestellt. Zu sehen gab es davon nichts. Die Schweiz wollte sich immer bis in den Strafraum durchbeißen, die tschechischen Konter wurden zumeist sehr früh gestoppt. Die Gefährlichkeit bei Distanzschüssen war aber durchaus zu erkennen: In der zweiten Halbzeit konnte Cech einen Schuss, der nicht sonderlich hart und platziert war, nicht auf Anhieb halten (zugegebenermaßen war ihm die Sicht etwas versperrt, aber er wagte sich auch nicht nach vorne zum Gegenspieler und zeigte damit, dass er den Ball für gefährlich genug hielt, um auf der Torlinie zu bleiben, um im Falle eines Falles noch reagieren zu können).

Eigentlich hatte ich ein anderes Spiel erwartet: Zielstrebig nach vorne spielende Tschechen mit Koller als ständige Anspielstation, eher auf Konter lauernde Schweizer, die vor allem durch präzise Pässe auffielen. Beides war nicht der Fall. Meine während der Vorberichterstattung ausgedachte Alliteration «Kuhns kühne Konter-Kicker» konnte ich also auch wegschmeißen. Hrmpf.

Die Schweiz in der Kurzkritik
Benaglio: Hatte wenig zu tun. Bei Eckbällen sehr präsent, ein guter Torhüter.
Lichtsteiner: Auf der rechten Abwehrseite immer wieder präsent. Wurde benutzt, um Offensivaktionen einzuleiten. Ordentliches Spiel.
Müller: Man merkte ihm an, dass er erst seit kurzem wieder spielt. Viele Rückpässe zum Torwart (wie übrigens auch Metzelder, dem es ja ähnlich ging).
Senderos: Sehr solide in der Innenverteidigung. Schaltete Koller effektiv aus.
Magnin: Dynamisch über die linke Seite. Gutes Spiel, wenn auch zuweilen etwas hitzig.
Inler: Koordinierte das Mittefeld und versuchte, dem Schweizer Spiel Struktur zu geben. Klappte anfangs sehr gut, in der Endphase aber nicht mehr perfekt.
Fernandes: Setzte immer wieder Akzente nach vorne. Spielte sich allerdings mehrmals fest.
Behrami: Saubere Flanken, schönes Spiel über die Flügel. Doch auch er konnte den tschechischen Abwehrblock nicht mit letzter Konsequenz knacken.
Barnetta: Wollte die Angriffe ordnen, schaffte dies allerdings nur etwa in der Hälfte der Fälle. Wollte immer wieder zu weit nach vorne und verpasste es, früher abzuspielen.
Frei: Die ärmste Sau des Tages. Mit viel Motivation gestartet, immer anspielbar, immer beweglich. Mit ihm hatte die Schweiz immer die Chance auf ein Tor. Die Verletzung brachte ihn wohl um den Traum seines Lebens, die EM im eigenen Land.
Streller: Totalausfall. Nicht anspielbar, verlor fast alle Bälle. Spielte als Stoßstürmer, war aber keiner. Keine einzige Torchance. Da hätte man lieber einen Mittelfeldspieler mit guten Distanzschüssen auf dem Platz gehabt.
Hakan Yakin: Ersetzte Frei anfangs sehr gut. Noch beweglicher als Frei, mit viel Energie nach vorne. Wurde allerdings im Lauf der Partie immer besser kontrolliert.
Vonlanthen: Kam eine Viertelstunde vor Schluss. Aktiv im Angriff, traf allerdings nur die Latte. Wird wegen seiner Offensivmöglichkeiten nach Freis Verletzung wohl öfter spielen.
Derdiyok: Kam fünf Minuten vor Schluss und fiel nicht auf.

Tschechien in der Kurzkritik
Cech: Hielt viele Bälle nicht fest. Man hatte schon bessere Spiele von ihm gesehen.
Grygera: Das tschechische Flügelspiel hätte ausgeprägter sein können. Kaum zu sehen, wie auch Jankulovski auf rechts. Konzentrierte sich auf die Defensivarbeit.
Ujfalusi: Räumte per Kopf alles ab. Sehr gutes Spiel des Innenverteidigers, der immer wieder gute Schweizer Flanken abwehrte.
Rozehnal: Etwas schlechter als sein Kollege Ujfalusi, aber auch mit einer ansprechenden Leistung.
Jankulovski: Wie Grygera nahezu unsichtbar. Hinten stabil, nach vorne kaum in Erscheinung getreten.
Galasek: Kaum zu sehen. Der unauffällige Motor des Mittelfeldes, eigentlich Ballverteiler, heute bei der Abwehrarbeit mehr gefordert.
Jarolim: Bemühte sich redlich, Jarolim zu ersetzen. Der Schiedsrichter fiel noch auf sein Hinfallen rein. Lief viel!
Polak: Kaum zu sehen.
Sionko: Der Aktivposten des tschechischen Spiels. Trieb an, initiierte Vorstöße. Sehr gut!
Plasil: Die tschechische Offensive funktionierte selten – auch Plasil war daran schuld. Konnte keine Bälle nach vorne transportieren.
Koller: Früh ausgewechselt. Sah kein Land gegen den über 10cm kleineren, aber in der Luft dominierenden Senderos.
Sverkos: Erzielte das Tor und sorgte immer wieder für Aufregung in der gegnerischen Defensive. Sehr gut!
Stanislav Vlcek: Zehn Minuten vor Schluss eingewechselt, unauffällig.
Radoslav Kovac: Kam drei Minuten vor Abpfiff, um das Ergebnis abzusichern.

«Das Wunder von Wien»

7. Juni 2008

Das Ernst-Happel-Stadion vor der EM 2008
Foto: Von lembagg unter einer CreativeCommons-Lizenz auf flickr.com veröffentlicht

Gestern im ORF, heute per Video-on-Demand im Internet. Ich habe mir den 50-minütigen Film heute morgen angeschaut und mir Notizen gemacht. Insgesamt ist er sehr interessant geworden, die Zeit lohnt sich!

Wie läuft der Film ab?
Der Fokus ist eindeutig auf Österreich gerichtet, ganz wie beim großen Vorbild «Deutschland. Ein Sommermärchen». Die Ergebnisse der anderen Mannschaften huschen einmal durchs Bild, die Gruppenphase und deren Ausgang muss man sich erschließen. Innerhalb der österreichischen Mannschaft wird Peter Hruska, der Star der EM, besonders intensiv porträtiert, er kommt als einer von wenigen Spielern auch im Interview zu Wort und wird von Nationaltrainer Pepi Hickersberger ausführlich kommentiert. Auch Franz Beckenbauer und Karl-Heinz Rummenigge bekommen Platz eingeräumt, immerhin kommt Hruska von ihrem Verein, Bayern München.

Der Film startet mit einer Tragödie kurz vor dem Beginn der EM. Der österreichische Nationalspieler Andreas Ibertsberger erleidet einen Kreuzbandriss und fällt damit für die EM aus. Eilig wird Peter Hruska, der seit einigen Wochen im Kader des FC Bayern zu finden ist, sich aber in der kurzen Zeit verständlicherweise nicht gegen Größen wie Luca Toni und Miroslav Klose im Sturm durchsetzen konnte, nachnominiert. Zuvor wurde Hruska, der gebürtiger Deutscher ist, eingebürgert – eine Praxis, die nicht überall auf Gegenliebe stößt. Einerseits sei das Verfahren zum Beispiel bei Eishockeyspielern gängige Praxis, andererseits wird Hruskas Antrag wegen der gebotenen Eile bevorzugt behandelt – eine formale Ungereimtheit.

Im Eröffnungsspiel gegen Kroatien sieht es schlecht aus für Österreich. Die Mannschaft von Slaven Bilić ist drückend überlegen, sogar der österreichische Kommentator lobt es als das wirklich bessere Team. In der 78. Minute traut sich Hickersberger etwas: Hruska, bis dahin ein völlig unbeschriebenes Blatt, wird eingewechselt. Noch in der gleichen Spielminute zeigt er bei seinem ersten Ballkontakt sein Können und haut den Ball in die Maschen. Österreich führt, Österreich gewinnt das Spiel. Die ersten Hruska-Fans (bevorzugt jung und weiblich) sind zu sehen.

Im nächsten Spiel geht es gegen Polen. Nachdem es lange nach einem Unentschieden aussieht, nutzt Hruska erneut seine Chance und erzielt den Siegtreffer zum 2:1. Österreich ist der Gruppensieg nicht mehr zu nehmen, Deutschland steht zwar auf Platz der Gruppe, konnte aber lediglich zwei Punkte holen, spielte in den ersten beiden Partien immer Remis.
Damit hat das letzte Gruppenspiel für Österreich eine symbolische Bedeutung, die Sensationsmannschaft ist gesetzt. Für Deutschland hingegen geht es um alles, sie müssen in der letzten Partie gegen Österreich einen Sieg erzielen, um ins Viertelfinale zu kommen. Hickersberger bietet in diesem Spiel lediglich eine österreichische B-Elf auf, will seine Spieler für das Viertelfinale schonen. Früh geht Deutschland in Führung, ein Distanzschuss von Hitzlsperger findet das Tor und für Deutschland sieht es gut aus. In der Folge entwickelt sich das Spiel zu einem Grottenkick. Ein langweiliges Ballgeschiebe ohne Espirit, nach dem Spiel werden Parallelen zum berühmten «Nichtangriffspakt von Gijón» gezogen. Auch hier, bei der EM 2008, kommt Deutschland weiter, Polen scheidet trotz einem Sieg im letzten Vorrundenspiel aus. Die polnischen Fans sind stinksauer, wittern einen gekauften Sieg, Hooligans zerlegen österreichische Innenstädte.

Doch Hruskas Popularität nimmt immer weiter zu. Der Mann, der Österreich mit seinen Toren den Gruppensieg gebracht hat, wird als «Fußballgott» gefeiert, sein Name wird von Fans skandiert, die Boulevardpresse interessiert sich für ihn und sein Privatleben.

Im Viertelfinale der Europameisterschaft kommt es zum Duell der Gastgeber, die Schweiz trifft auf Österreich. Das Spiel geht laut dem Film als «93-Minuten-Fußballkrieg» in die Geschichte des Sports ein. Zu den Klängen von «Hell’s Bells», in die immer wieder der österreichische Spielkommentar hineingeschnitten ist, foulen Österreicher und Schweizer um die Wette, ein schwacher Schiedsrichter aus Zypern kann die Partie nicht unter Kontrolle bringen. Eine rote, zwei gelb-rote und neun gelbe Karten machen das Spiel zum härtesten der EM-Geschichte. Dennoch: Österreich gewinnt gegen die favorisierten Schweizer, Andreas Ivanschitz schießt das 1:0. In der Nachberichterstattung war davon die Rede, dass Österreich durch provokante Härte die spielerisch besseren Schweizer aus dem Konzept brachte.

Österreich war also im Halbfinale; ein Erfolg, mit dem selbst vor Ort niemand gerechnet hatte. Die Legende von einem «zweiten Cordóba» machte die Runde. Und die Sensation sollte tatsächlich eine werden: In der ersten Halbzeit gelingt Shooting-Star Hruska der Durchbruch durch die deutsche Abwehr, steht alleine vor Torhüter Jens Lehmann. Der eilt aus seinem Gehäuse auf den jungen Bayern-Profi zu – und auf einmal fällt Hruska. Parallelen zu dem Champions-League-Finale 2006 werden wach, als Lehmann nach 18 Minuten seinen Gegenspieler im Strafraum foulte und dafür die rote Karte sah (die erste rote Karte in einem Champions-League-Finale überhaupt). So auch hier: Lehmann wird vom Feld geschickt, Hruska schießt den fälligen Elfmeter selbst und platziert ihn präzise. Österreich eins, Deutschland null. In der Halbzeit bezweifelt Günter Netzer, dass Deutschland das Spiel noch einmal drehen könnte. Doch Deutschland drückt, strebt nach dem Ausgleich. Doch wieder ist es Hruska, der die Entscheidung herbeiführt. Ein Freistoß in der Nähe des deutschen Tores, Hruska hält direkt drauf und der Ball senkt sich ins Netz. Österreich zwei, Deutschland null. Das Spiel ist entschieden: Österreich, das Land, das von vornherein als krasser Außenseiter galt, steht auf einmal im Finale.

Dort geht es gegen die Niederlande, die im Halbfinale Italien erst im Elfmeterschießen ausschalten konnte. Für die Österreicher scheint der Traum vom Titel nun auf einmal doch erreichbar, dennoch gilt bei den Buchmachern die Niederlande nach wie vor als klarer Favorit. Die Quote im Finale beträgt für Österreich 5:1 (wurde von 80:1 langsam herunterkorrigiert). Hickersberger sieht seine Mannschaft konditionell im Vorteil, denn die Niederlande musste im Verlauf des Turniers bereits zwei Mal in die Verlängerung, während Österreich immer innerhalb der regulären Spielzeit das Spiel entscheiden konnte.

Zunächst sieht es nach einer klaren Sache für Oranje aus. Die Elf um Bondscoach Marco van Basten geht 1:0 in Führung, nachdem der österreichische Torwart getunnelt wurde. Doch Österreich zeigt Moral und Kampfeswille, findet wieder Anschluss ans Spiel und natürlich ist es Hruska, der sowohl den Ausgleich als auch den Siegtreffer erzielt. Die Freude ist riesig, Österreich steht Kopf. Sogar die deutsche Bildzeitung titelt: «Danke Ösis – wenigstens nicht Holland!»

Und mitten in dem Freudentaumel flimmert der Abspann um die Bühne und die vermeintliche Illusion wird zerstört. Hruskas Name wird vergessen oder falsch ausgesprochen, ein Blick hinter die Kulissen der Dreharbeiten. Bemerkenswertester Moment: Polen-Trainer Leo Beenhakker muss das Ausscheiden Polens kommentieren. «Congratulations», sagt er brav in die Kamera – und als er sich sicher ist, dass die Szene gelaufen ist mit einem Grinsen: «And now fuck off…»

Kritik am Film
Die größte Kritik am Film ist sicherlich die hemmungslose Verwendung von Klischees. In der Redaktion der Kronen-Zeitung herrscht Chaos auf den Schreibtischen, die Fans jubeln dem Shooting-Star Peter Hruska zu, am Ende feiern alle Arm in Arm, sogar der Polizist lässt sich bereitwillig seine Dienstkleidung abnehmen und sich eine Österreich-Perrücke aufsetzen. Hruska ist ein Spieler ohne Namen, erzielt aber sieben EM-Tore bei seinem ersten großen Turnier unmittelbar nach seiner Nachnominierung und ohne dass er regelmäßig vorher bei seinem Verein gespielt hätte. Lediglich zwei österreichische Tore werden ohne seine Beteiligung geschossen (einmal wird der Schütze nicht genannt – es könnte also doch Hruska gewesen sein, das andere Tor erzielt Andreas Ivanschitz gegen die Schweiz). Im Halbfinale und im Endspiel erzielt Hruska je zwei Tore.
Natürlich ist der Film hemmungslose Selbstdarstellung – aber ohne Selbstironie wirkt der Hruska-Darsteller eher wie jemand, der zufällig in die Geschehnisse hineingeraten ist, als jemand, der tatsächlich auf Anhieb sieben EM-Tore erzielt und das Turnier gewonnen hat. Zum Vergleich: Mit sieben EM-Toren würde sich Hruska mal eben auf Platz zwei der Liste der EM-Rekordtorschützen eintragen, den er sich mit Alan Shearer teilen müsste. Vor den beiden würde nur noch Michel Platini (9 Tore) rangieren – und es geht bei der Liste nicht um ein bestimmtes Turnier, sondern alle im Laufe der Karriere erzielten EM-Tore. Der 20-jährige Reservespieler der Bayern plötzlich auf einer Stufe mit dem Lebenswerk des großen Alan Shearer? Ohne eine selbstironische Note unerträglich – und gerade diese kommt im Film zu kurz.

Ein zweiter großer Kritikpunkt ist die Spielfilm-ähnliche Darstellung von Hruska. Vor dem Elfmeter gegen Deutschland sieht man ihm direkt in die Augen und auch ansonsten gibt es immer wieder Close-Ups von dem Youngster, die mit dem normalen Equipment für eine Fußballübertragung nicht möglich sind. Hruska ist selbst im Spiel immer inszeniert, kommt aus dem Dunkel. Die Szenen mit ihm wurden allesamt durch den Weichzeichner gejagt (wohl um zu verhindern, dass man entdeckt, dass sie nachgestellt sind und die anderen Spieler keine Fußballprofis sind, sondern Komparsen) und haben immer etwas Traumhaftes.
Hruska funktioniert auf dem Platz. Er ist eine eiskalte Tormaschine, sucht das direkte Duell mit dem Gegenspieler – und gewinnt. Er muss scheinbar keine Rückschläge hinnehmen. Auch privat zeigt er sich als coole Sau: In seiner Wohnung gibt er im lockeren Kapuzenpulli Interviews vor einer Wand mit Schallplatten, an der seine Gitarre lehnt. Man glaubt im ersten Moment an einen gewöhnlichen Studenten, den Fußballprofi nimmt man ihm nicht ab. Besonders bemüht ist die Rocky-Hommage: Hruska gibt an, etwas für die Beweglichkeit seiner Füße tun zu wollen. Schnitt. Hruska joggt durch Wien, wird von niemandem erkannt, erklimmt die Treppenstufen und reckt die Arme in die Luft. Die Kamera zoomt zurück und Hruska steht mitten in Wien, nicht etwa auf den Stufen des Kapitols. Schnitt. Hruska steht in einem Gym und lässt die Fäuste an einem Box-Pendel rotieren. Ob das was für seine Füße bringt?

Auch die immer wieder eingestreuten Szenen aus der Bluebox sind auffällig. Bei Interviews am Spielfeldrand steht Hruska auf einem anderen Niveau als die in seiner Nähe laufenden Spieler, die als Videohintergrund hineinmontiert wurden. Sie wirken platt und nicht plastisch. Auch als ORF-Sportchef vor dem Endspiel aus der noch leeren österreichischen Kabine berichten darf, ist klar, dass der Hintergrund im Rechner entstanden ist. Huber sitzt auf der Bank, hinter ihm hängen schon die Trikots in den Spinden, die Fußballschuhe stehen bereit. Doch nichts bewegt sich, nur Huber. Keine zufällige Bewegung, nichts. Es ist sofort klar, dass Huber vor einer blauen Wand sitzt und das entsprechende Bild erst als Foto in den Film hineinmontiert wurde.

Fehler im Film

  • Im Lauf des Films sind mehrere Spieler zu sehen, die gar nicht an der EM teilnehmen. Am auffälligsten ist im Halbfinale gegen Deutschland der Auftritt von Bernd Schneider, der für etwa eine Sekunde mit dem gut auf seinem Jersey lesbaren Namen durchs Bild laufen darf. Schneider verpasst die EM wegen eines Bandscheibenvorfalls, musste auch das Vorbereitungstrainingslager auf Mallorca absagen.
  • Als österreichischer Torwart wird mehrmals Helge Payer genannt, der allerdings aus dem Trainingslager abreisen musste und die EM verpasst. Thrombose in Darm und Leber ist schuld daran, dass Payer wohl für etwa sechs Monate nicht wird Fußball spielen können.
  • Wo wir schon bei den Torhütern sind: Mitten im Turnier wechselt Österreich den Torhüter aus. Zu Beginn spielt Payer, im Vorrundenspiel gegen Deutschland dann auf einmal Alex Manninger (der bei den Spielszenen, die aus dem Länderspiel der beiden Nationen im Februar stammen, auch tatsächlich im Tor stand), kurz darauf ist Payer wieder Österreichs Torhüter. Theoretisch könnte man argumentieren, dass im Film gegen Deutschland eine echte B-Elf aufläuft, also auch ohne den Stammtorhüter. Wirkt aber weit hergeholt und etwas konstruiert. Verwirrend ist das Auftauchen zweier Torhüter ohnehin.
  • Kein Fehler im eigentlichen Sinn, aber auffällig: Vor den beiden Spielen gegen Deutschland (Vorrunde und Halbfinale) ist jeweils von einem nasskalten Tag die Rede. Grund: Die Bilder aus dem letzten Spiel gegen Deutschland, das Anfang Februar stattfand, mussten in den Juni transportiert werden. Wirkt aber etwas konstruiert und sehr auffällig.
  • Noch viel alberner: Nach dem Sieg gegen Deutschland im Halbfinale sitzen deutsche Fans am Boden, die Österreicher feiern und schwenken ihre T-Shirts. Keiner der Fans scheint auch nur daran gedacht zu haben, langärmelige Kleidung anzuziehen. Die Wettervorhersage für diesen Tag kommt auch im Film vor: Nasskalt, Temperaturen um die 5°C tagsüber. Perfektes Wetter also, um sich halbnackt ins Freie zu wagen und dort mindestens zwei Stunden lang ein Fußballspiel zu verfolgen!
  • Als Hruska seinen Elfmeter gegen Deutschland verwandelt, ist kurz der Name auf dem Trikot des deutschen Torwarts zu erhaschen. Lehmann ist bereits vom Platz gestellt worden, «Enke» und «Adler» sind zu kurz, die Frisur passt auch, der erste Buchstabe des Namens sieht nach einem «H» aus: Offensichtlich haben die Filmemacher Timo Hildebrand als deutschen Ersatztorhüter vorgesehen. Der wurde von Bundestrainer Joachim Löw aber überhaupt nicht nominiert.
  • Bei den Schweizer Komparsen wurde gehörig gespart. Nach der Niederlage im Viertelfinale stehen die Schweizer Fans stumm im Bild, halten sich an ihren Fähnchen fest und starren in die Kamera. Niemand weint, niemand diskutiert, niemand bewegt sich. Es gibt schlicht keine Interaktion, stumm und unbeweglich stehen die Schweizer da und schauen bemüht traurig. Da kann selbst das übelste Bauerntheater seine Gefühle feiner und differenzierter ausdrücken…

Fazit
Ein Film, der auch über fünfzig Minuten interessant ist. Die fiktiven Interviews mit Beckenbauer, Beenhakker, Otto Barić und all den anderen großen Namen des Fußballs sind sehr schön gestaltet und machen einen Großteil der Faszination des Films aus. Aber: Der Überflieger Hruska nervt auf Dauer, er ist einfach gnadenlos überzeichnet.

Siehe auch: «Das Wunder von Wien» – Wer steckt hinter der Fassade?, «Das Wunder von Wien» im Internet sehen und «Das Wunder von Wien» auf YouTube

Taktik im modernen Fußball

7. Juni 2008

Christoph Biermann ist im Sportjournalismus eine feste Größe, ein Name, zu dem man nicht viele Worte verlieren muss. Letzte Woche erschien im SPIEGEL ein Artikel über Taktikanalyse im Fußball. Ein sehr lesenswertes Stück!

Biermann berichtet von Video-Analyse, von der Kunst, ein Spiel lesen zu können – und enthüllt, dass für Lehmanns legendären Elfmeter-Zettel gegen Argentinien keineswegs DFB-Scout Urs Siegenthaler verantwortlich war, sondern studentische Hilfskräfte. Ein Einblick in die schriftlich fixierte Spielphilosophie des DFB (eine der Klinsmann’schen Innovationen) und in die detaillierten Gegneranalysen, mit denen Joachim Löw seine Taktik zurechtbastelt.

«Das Wunder von Wien» im Internet sehen

7. Juni 2008

Gestern abend erschien die fünfzigminütige Fiktiv-Dokumentation auf ORF1, heute ist sie im Netz zu finden. Das ORF bietet den kompletten Film im WMV-Format als Videostream an (danke saibot für den Hinweis).

Für die Hintergründe empfehle ich den hier im Blog erschienen Artikel «Das Wunder von Wien» – Wer steckt hinter der Fassade?.

Ich habe es noch nicht geschafft, mir den Stream anzuschauen; der entsprechende Artikel folgt später.

Siehe auch: «Das Wunder von Wien» – Wer steckt hinter der Fassade?, «Das Wunder von Wien»- Eine Nachbesprechung und «Das Wunder von Wien» auf YouTube