
Foto: Von lembagg unter einer CreativeCommons-Lizenz auf flickr.com veröffentlicht.
Eigentlich hätten sie drei Punkte verdient gehabt, die tapfer kämpfenden Schweizer, die so schwer vom Schicksal gebeutelt wurden. Erst die Aufregung um die Gattin von Nationaltrainer Köbi Kuhn, die nach einem epileptischen Anfall im Krankenhaus liegt. Und jetzt Alexander Frei, dessen Innenband im Knie im ersten Spiel der Europameisterschaft riss und der nun für den Rest des Turniers zuschauen muss.
Die Schweizer haben üblicherweise eine solide Spielanlage. Senderos in der Innenverteidigung ist ein stabiler Turm in der Abwehrschlacht, Barnetta der Antreiber im Mittelfeld, Frei der Vollstrecker im Angriff. Von diesem Trio funktionierte lediglich Senderos einwandfrei. Barnetta hechelte seiner Form hinterher, ließ präzise Zuspiele vermissen. Und Alex Frei ist ein Kapitel für sich: häufig verletzt, hatte sich kurz vor der EM wieder herangekämpft, war Kapitän, Leitfigur und seit dem Testspiel gegen Liechtenstein auch Rekordtorschütze. Ein Mann, dem man einfach zutraut, den Ball irgendwie ins Tor bugsieren zu können. Und genau dieser Frei fiel verletzt aus. Ein normaler Zweikampf kurz vor dem Halbzeitpfiff, Freis rechtes Knie verdrehte sich, er wand sich vor Schmerzen am Boden, voyeuristisch hielten die Fernsehkameras auf den Schweizer, der wohl selbst wusste, dass diese EM für ihn nach nicht einmal 45 Minuten bereits gelaufen war und darüber bitterlich weinte.
Die erste Hälfte der Partie war zerfahren. Schweiz und Tschechien bemühten sich um ein Offensivspiel, dem Gastgeber gelang es besser. Kurz vor der Halbzeit dann der Schock, Frei verletzte sich. In der Pause schienen sich die Eidgenossen dann gesammelt zu haben, für Frei kam Hakan Yakin, der sich sofort dynamisch in das Spiel einband. Die Schweiz drückte, stand kurz vor dem Tor. Dieses jedoch schoss Tschechien durch den für Jan Koller eingewechselten Vaclav Sverkos. Nach der Führung war Brückners Elf im Aufwind, spielte besser mit und wagte sich auch wieder aus der Defensive. Gegen Ende sollte die Schweiz wieder die Oberhand gewinnen, spielte mit Verve; auffällig waren jedoch die unpräzisen Pässe. Man fand kein Mittel gegen die konzentrierte Verteidigung der Tschechen, alle Angriffe blieben kurz vor dem Strafraum stecken. Daran schuld war vor allem Marco Streller, der Stoßstürmer der Schweiz, der zu keinem Zeitpunkt Bindung ans Spiel fand. Wenn er angespielt wurde, beförderte er den Ball ins Aus. Die Schweiz braucht dringend einen torgefährlichen Angreifer, der sich Bälle erlaufen kann, ein Typ Lukas Podolski oder eben Vaclav Sverkos. Allerdings hat Kuhn nur drei Stürmer nominiert: der jetzt verletzte Frei, der schlechte Streller und der junge Derdiyok. Sieht wohl so aus, als müssten andere die Tore machen – sonst scheidet die Schweiz schon in der Vorrunde aus.
Beide Seiten wagten kaum Distanzschüsse, womit zumindest ich nicht gerechnet hatte. Der Spielball war im Vorfeld als flatterig und schwierig für Torhüter bezeichnet worden, Torwart Cech gab zu, sich bei der Flugbahn des Balles nicht einmal auf den letzten fünf Metern sicher zu sein; zahlreiche Tore aus der Distanz wurden in Aussicht gestellt. Zu sehen gab es davon nichts. Die Schweiz wollte sich immer bis in den Strafraum durchbeißen, die tschechischen Konter wurden zumeist sehr früh gestoppt. Die Gefährlichkeit bei Distanzschüssen war aber durchaus zu erkennen: In der zweiten Halbzeit konnte Cech einen Schuss, der nicht sonderlich hart und platziert war, nicht auf Anhieb halten (zugegebenermaßen war ihm die Sicht etwas versperrt, aber er wagte sich auch nicht nach vorne zum Gegenspieler und zeigte damit, dass er den Ball für gefährlich genug hielt, um auf der Torlinie zu bleiben, um im Falle eines Falles noch reagieren zu können).
Eigentlich hatte ich ein anderes Spiel erwartet: Zielstrebig nach vorne spielende Tschechen mit Koller als ständige Anspielstation, eher auf Konter lauernde Schweizer, die vor allem durch präzise Pässe auffielen. Beides war nicht der Fall. Meine während der Vorberichterstattung ausgedachte Alliteration «Kuhns kühne Konter-Kicker» konnte ich also auch wegschmeißen. Hrmpf.
Die Schweiz in der Kurzkritik
Benaglio: Hatte wenig zu tun. Bei Eckbällen sehr präsent, ein guter Torhüter.
Lichtsteiner: Auf der rechten Abwehrseite immer wieder präsent. Wurde benutzt, um Offensivaktionen einzuleiten. Ordentliches Spiel.
Müller: Man merkte ihm an, dass er erst seit kurzem wieder spielt. Viele Rückpässe zum Torwart (wie übrigens auch Metzelder, dem es ja ähnlich ging).
Senderos: Sehr solide in der Innenverteidigung. Schaltete Koller effektiv aus.
Magnin: Dynamisch über die linke Seite. Gutes Spiel, wenn auch zuweilen etwas hitzig.
Inler: Koordinierte das Mittefeld und versuchte, dem Schweizer Spiel Struktur zu geben. Klappte anfangs sehr gut, in der Endphase aber nicht mehr perfekt.
Fernandes: Setzte immer wieder Akzente nach vorne. Spielte sich allerdings mehrmals fest.
Behrami: Saubere Flanken, schönes Spiel über die Flügel. Doch auch er konnte den tschechischen Abwehrblock nicht mit letzter Konsequenz knacken.
Barnetta: Wollte die Angriffe ordnen, schaffte dies allerdings nur etwa in der Hälfte der Fälle. Wollte immer wieder zu weit nach vorne und verpasste es, früher abzuspielen.
Frei: Die ärmste Sau des Tages. Mit viel Motivation gestartet, immer anspielbar, immer beweglich. Mit ihm hatte die Schweiz immer die Chance auf ein Tor. Die Verletzung brachte ihn wohl um den Traum seines Lebens, die EM im eigenen Land.
Streller: Totalausfall. Nicht anspielbar, verlor fast alle Bälle. Spielte als Stoßstürmer, war aber keiner. Keine einzige Torchance. Da hätte man lieber einen Mittelfeldspieler mit guten Distanzschüssen auf dem Platz gehabt.
Hakan Yakin: Ersetzte Frei anfangs sehr gut. Noch beweglicher als Frei, mit viel Energie nach vorne. Wurde allerdings im Lauf der Partie immer besser kontrolliert.
Vonlanthen: Kam eine Viertelstunde vor Schluss. Aktiv im Angriff, traf allerdings nur die Latte. Wird wegen seiner Offensivmöglichkeiten nach Freis Verletzung wohl öfter spielen.
Derdiyok: Kam fünf Minuten vor Schluss und fiel nicht auf.
Tschechien in der Kurzkritik
Cech: Hielt viele Bälle nicht fest. Man hatte schon bessere Spiele von ihm gesehen.
Grygera: Das tschechische Flügelspiel hätte ausgeprägter sein können. Kaum zu sehen, wie auch Jankulovski auf rechts. Konzentrierte sich auf die Defensivarbeit.
Ujfalusi: Räumte per Kopf alles ab. Sehr gutes Spiel des Innenverteidigers, der immer wieder gute Schweizer Flanken abwehrte.
Rozehnal: Etwas schlechter als sein Kollege Ujfalusi, aber auch mit einer ansprechenden Leistung.
Jankulovski: Wie Grygera nahezu unsichtbar. Hinten stabil, nach vorne kaum in Erscheinung getreten.
Galasek: Kaum zu sehen. Der unauffällige Motor des Mittelfeldes, eigentlich Ballverteiler, heute bei der Abwehrarbeit mehr gefordert.
Jarolim: Bemühte sich redlich, Jarolim zu ersetzen. Der Schiedsrichter fiel noch auf sein Hinfallen rein. Lief viel!
Polak: Kaum zu sehen.
Sionko: Der Aktivposten des tschechischen Spiels. Trieb an, initiierte Vorstöße. Sehr gut!
Plasil: Die tschechische Offensive funktionierte selten – auch Plasil war daran schuld. Konnte keine Bälle nach vorne transportieren.
Koller: Früh ausgewechselt. Sah kein Land gegen den über 10cm kleineren, aber in der Luft dominierenden Senderos.
Sverkos: Erzielte das Tor und sorgte immer wieder für Aufregung in der gegnerischen Defensive. Sehr gut!
Stanislav Vlcek: Zehn Minuten vor Schluss eingewechselt, unauffällig.
Radoslav Kovac: Kam drei Minuten vor Abpfiff, um das Ergebnis abzusichern.
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7. Juni 2008 um 20:30
Ich habe wenigstens ordentlich beim Wetten gewonnen
!
9. Juni 2008 um 10:28
ja, die eidgenossen, vielleicht klappt es ja beim nächsten spiel