Deutschland startet mit Sieg in die EM

9. Juni 2008

Der EM-Pokal
Foto: Von lembagg unter einer CreativeCommons-Lizenz auf flickr.com veröffentlicht

Zugegebenermaßen: Den klaren Sieger der EM hatte man in diesen 90 Minuten nicht gesehen. 2:0 wirkt eindeutig, doch lange entsprach diese Eindeutigkeit nicht der Spielwirklichkeit.
Zwar war die Elf von Bundestrainer Joachim Löw insgesamt überlegen, dennoch gab es eine ganze Reihe von Problemen mit den körperbetont spielenden Polen.

Doch von vorne: Die erste Angriffswelle der Polen kam mit dem Anpfiff und endete in der vierten Minute. Danach machte Deutschland das Spiel, vor allem Löws Taktikvariante, im linken Mittelfeld auf den offensiveren Podolski statt Schweinsteiger zu setzen, erwies sich als Glücksgriff. Der Ball lief durch die Reihen, Lücken wurden gesucht und gefunden. Im Gegensatz zu den vorherigen Testspielen stach Ballack aus der Elf nicht heraus, sondern war in sie integriert. Der Kapitän schien ebenso wie sein Nebenmann Frings nicht völlig fit zu sein.
Die deutschen Flügelzangen funktionierten in der ersten Halbzeit tadellos, vor allem über die rechte Seite, über die man sich im Vorfeld viele Gedanken gemacht hatte, liefen viele Angriffe. Dort ergänzten sich Lahm und Fritz, eigentlich beide rechte Verteidiger, ideal bei ihren Vorstößen und sicherten sich stets gegenseitig ab.

Allein die deutsche Abwehr schien nicht so stabil wie erhofft. Die Abstimmung zwischen Mertesacker und Lehmann war mangelhaft, in mehreren Situationen gingen beide zum Ball und zeigten sich wenig koordiniert. Auf den Punkt fit zeigte sich jedoch Metzelder, der mit körperbetontem, aber stets fairem Abwehrverhalten auf sich aufmerksam machte – eine Spielweise, geprägt von Übersicht und gutem Stellungsspiel, die ihm vor einer Woche wohl niemand zugetraut hätte. Lehmann fand nach anfänglichen Unsicherheiten besser ins Spiel und war vor allem in der zweiten Halbzeit sehr souverän. Michael Ballack wollte oft im eigenen Strafraum aushelfen, zeigte sich jedoch nicht immer sattelfest. Ein defensiv eher maues Spiel des Kapitäns.
Eine dritte Auffälligkeit des deutschen Spiels der ersten Hälfte: Oft brach nicht nur ein Stürmer durch die polnische Defensive, sondern es lief auch noch ein zweiter mit. Beim ersten Mal war es bereits gefährlich, beim zweiten Mal führte es schließlich zum 1:0 durch Podolski.

Die Polen agierten hart, körperbetont, immer an der Grenze zum Foulspiel und oft auch darüber. Viele Spielunterbrechungen, viele harte Aktionen, zuweilen auch Angst vor Verletzungen deutscher Spieler.

In der zweiten Halbzeit war es eine insgesamt schwächere Partie. Podolski sorgte durch sein konsequentes Nachsetzen für das 2:0, ansonsten ließen es die Deutschen etwas ruhiger angehen und auch Polen kam nicht über gewonnene Zweikämpfe hinaus.

Noch eine Anmerkung zum Spielball: Die vor dem Turnier prognostizierten Probleme der Torhüter scheinen nur die halbe Wahrheit zu sein. Cech zeigte sich zwar gestern unsicher, aber die anderen drei Torhüter waren es nicht. Sogar der in den Testspielen eher unsichere Lehmann hielt Bälle fest, aber auch der portugiesische Goalie, der nicht unbedingt als Mann von Weltklasse bekannt ist. Aber: Der Ball neigt durchaus zu «extravaganten» Flugbahnen. Konnte man heute im Kroatien-Spiel sehen, wo ein Volleyschuss von Mladen Petric sich mit extrem viel Effet Richtung Tor senkte (aber letztendlich doch über das Gehäuse ging).

Die Deutschen in der Einzelkritik
(Ich muss zugeben, dass ich die Polen nur begrenzt auseinanderhalten konnte und nur etwa zur Hälfte der Spieler etwas Erhellendes beizutragen habe, deswegen lasse ich es gleich ganz bleiben.)
Jens Lehmann: Am Anfang nicht immer Herr der Situation, fand aber zunehmend besser ins Spiel. In der zweiten Halbzeit souverän.
Philipp Lahm: Auf rechts exzellent. Harmonierte ausgezeichnet mit Fritz, hat auch endlich wieder seine Stärke im Zweikampf wiedergefunden, die ihn bei der EM so auszeichnete. Eindeutig in EM-Form.
Christoph Metzelder: Besser als zuletzt, besser als erwartet. Gutes Stellungsspiel, gute Übersicht. Besser als sein Nebenmann.
Per Mertesacker: Hat nicht die Form der Testspiele. Abstimmungsprobleme mit Lehmann trübten den ansonsten ordentlichen Eindruck.
Marcell Jansen: Viel Druck über den linken Flügel, aber nach einigen Fouls zurückhaltender. Dennoch immer wieder weit über der Mittellinie, um mit Flanken für Gefahr zu sorgen.
Torsten Frings: Unauffällig, aber wenn es darauf ankam gut im Spiel. Erledigte seine Aufgabe routiniert, blieb aber lieber etwas im Hintergrund.
Michael Ballack: In den Testspielen Weltklasse, heute eher gehobenes Mittelmaß. In der Verteidigung eher unsicher, nach vorne nicht mit der Energie der vergangenen Spiele. Ihm schien die Frische etwas zu fehlen. Aber: Zeigte durch Körpersprache, Worte und Gesten, dass er und nur er der Kapitän der Mannschaft ist.
Clemens Fritz: Mit Lahm auf rechts ein geniales Duo. Sicherten sich gegenseitig ab, unterstützten sich gegenseitig bei Angriffen. Zweikampfstärker und offensiver als zuletzt. Ein gelungener Ersatz für Schneider.
Lukas Podolski: Erst im linken Mittelfeld, nach Gomez’ Auswechselung im Sturm. Mit viel Zug, mit viel Energie, mit viel Entschlossenheit – und mit viel Erfolg. Zwei Tore sprechen eine klare Sprache, er wird gegen Kroatien wohl auch in der Stammelf zu finden sein. Ging auch dahin, wo es weh tut. Der unumstritten beste Spieler der Partie!
Miroslav Klose: Arbeitete viel für die Mannschaft. Ordentliches Spiel, suchte den Zweikampf und suchte auch den Kontakt zum Mittelfeld. Ordentliche Partie!
Mario Gomez: Gegen eine nicht immer sauber spielende polnische Defensive nicht erfolgreich. Ackerte wie Klose, blieb aber glücklos. Gegen Österreich unbedingt einsetzen, er kann diese eher lockere Defensivformation durch seine unkontrolliert wirkenden Bälle knacken!
Bastian Schweinsteiger: Kam früh für Fritz ins rechte Mittelfeld und rechtfertigte seine Einwechselung durch gute Offensivaktionen. Wagte sich auch in den Strafraum. Ansprechend, an einem Podolski in Top-Form kommt er derzeit allerdings nicht vorbei. Seine Hereinnahme wird wohl taktische Gründe haben: Löw wollte präzisere Zuspiele und Fritz rieb sich mehr und mehr auf. Schweinsteiger mit mehr Zug zum Tor sollte die Entscheidung bringen und tat es dann auch.
Thomas Hitzlsperger: Kam für Gomez, ging ins linke Mittelfeld, dafür durfte Podolski in den Sturm. Zeigte, dass der Spielball bei Distanzschüssen tatsächlich gefährlich ist. Eine sehr solide Alternative.
Kevin Kuranyi: Kam in der Nachspielzeit und durfte noch einmal einen Abstoß von Lehmann abwarten. Ein Spiel für die Statistik.

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