Wenn Fußballer reden…

15. Juni 2008

Ein kurzer Rundumschlag in Sachen Interviews.

Ich konnte gestern abend ein Interview mit Miroslav Klose in der ZEIT (ursprünglich im Tagesspiegel) lesen. Klose zeigte sich launig, keineswegs so schüchtern und zurückhaltend, wie man ihn immer in Erinnerung hatte. Der naive Pfälzer, der sich nach dem Hauptschulabschluss als Zimmermann betätigte, scheint passé, Klose hat das Kommunizieren gelernt, hat Selbstbewusstsein getankt und ist angekommen in einer Mannschaft, in der auch mit Christoph Metzelder auch Ex-Studenten kicken.

Lars Ricken sprach mit der ZEIT sehr offen. Seine Ausbootung unter Thomas Doll war ebenso Thema wie «Typen» im Fußball. Ricken, das Dortmunder Urgestein, konnte einiges aus der jüngeren Vereinsgeschichte erzählen

ZEIT online: Inwieweit haben sich die Spielercharaktere im Vergleich zu früher verändert?
Ricken: Mir fehlen so ein bisschen die prägenden dominanten Persönlichkeiten. Als ich angefangen habe, waren noch Spieler wie Sammer und Effenberg aktiv. Die haben nicht nur auf dem Platz ihre Leistung gebracht, sondern auch außerhalb sehr eindeutig zu Themen Stellung bezogen. Da wurden auch mal unangenehme Thesen und Probleme offen ausgesprochen. Das hat sich komplett geändert. [...] Vielleicht sind Spieler auch zu sehr Ich-AGs geworden und zu viel mit sich selbst beschäftigt. Natürlich muss man gewisse Verhaltensweisen aufgrund der Vorbildfunktion einhalten. Eine gesunde Konfliktfreudigkeit ist aber durchaus leistungsfördernd. In der Anfangszeit meiner Karriere haben sich Matthias Sammer und Andreas Möller ständig in den Haaren gelegen. Du weißt dann, dass da welche sind, die alles für den Erfolg tun und auch vor unangenehmen Schritten nicht zurückschrecken. [... Über positive Beispiele für Typen im heutigen Fußball:] Sebastian Kehl ist so ein Typ, der sich wirklich sehr stark in die Mannschaft einbringt. Er gibt oft den Anstoß für teaminterne Sitzungen, auf denen man sich auch mal die Meinung sagt, eventuell zusätzliche Leute mit ins Boot holt. Auch Christian Wörns können sich viele junge Spieler zum Vorbild nehmen. Oftmals ist er einer der Ersten, der kommt, und einer der Letzten, der geht, er schiebt im Kraftraum viele Zusatzschichten. Ich bin auch in einer Mannschaft groß geworden, wo ich mir von Spielern wie Matthias Sammer, Julio Cesar und Karl-Heinz Riedle abschauen konnte, wie man sich verhalten muss. Wenn unter der Woche frei war und ich nicht auf dem Trainingsgelände war, wurde ich ein wenig subtil gefragt, wo ich denn gewesen sei.

Torsten Frings war auch im Gespräch mit der ZEIT. Der Defensivarbeiter im deutschen Mittelfeld betont stark die physische Komponente des Fußballs, was auf seiner Position auch gerechtfertigt erscheint. Aber: Inwiefern haftet Frings noch in den «deutschen Tugenden», die Löw und Klinsmann als Grundvoraussetzung und nicht als erstrebenswertes Ziel ansahen? Hat Frings diese offensiver und taktischer denkende Spielweise nicht verinnerlicht?

Frings: Läuferisch sind wir schon mit die beste Mannschaft. Die Italiener sind taktisch sehr gut. Die schießen wenig Tore, kassieren aber auch fast nie eins. Spanien kommt mehr von der Technik her, aber so eine Mannschaft kannst du eben auch überrennen, wenn du topfit bist. Die darfst du nicht zum Spielen kommen lassen. Wenn du topfit bist, schaffst du das auch, und dann gewinnst du gegen solche Mannschaften.

Im ZEIT Magazin Leben stellt Joachim Löw unter anderem die Unterschiede zwischen ihm und Klinsmann heraus. Indirekt benennt er die deutsche Schlussoffensive im Halbfinale der WM 2006 gegen Italien, die dazu führte, dass Deutschland sich wegen des erhöhten Risikos zwei Gegentore einfing und den Finaleinzug verpasste, als eine Entscheidung Jürgen Klinsmanns, die er nicht mitgetragen hat.

ZEIT: Diese Fähigkeit erfordert ein hohes Maß an Körperbeherrschung und Technik. Das können vielleicht Nationalspieler, dem durchschnittlichen Vereinsfußballer fehlt hierzu vermutlich einfach das Talent.
Löw: Das genau ist der falsche Ansatz. Es fehlt in vielen Fällen nicht das Talent. Es fehlt ganz einfach die richtige Ausbildung. Dieses Defizit wollen wir Schritt für Schritt gemeinsam mit unserem Sportdirektor Matthias Sammer reduzieren. Wir müssen sehen, dass von Jugend an verinnerlicht wird: Fußball ist kein Kampfsport, sondern ein Kampfspiel.
ZEIT: Wie trainieren Sie die Balleroberung ohne Foulspiel mit der Nationalmannschaft?
Löw: Indem wir uns an anderen Sportarten orientieren, etwa am Basketball. Da herrscht zwischen Angreifern und Verteidigern ein äußerst aggressives Zweikampfverhalten, meist jedoch ohne dass foul gespielt wird. Diese Aggressivität in Verbindung mit Selbstbeherrschung werden wir üben und dabei auf Trainingsmethoden aus dem Basketball zurückgreifen.
[...]
ZEIT: Kommen wir zurück auf Veränderungen im Vergleich zur Ära Klinsmann/Löw, auf die vielleicht entscheidendste und vielleicht segensreichste Veränderung: die Spielweise der Mannschaft. Bei der WM predigten Klinsmann und Sie die bedingungslose Offensive. Zum Auftakt schlug sich das in einem 4:2 gegen Costa Rica nieder. Im Turnierverlauf…
Löw: …haben wir oft sehr bedächtig und gar nicht bedingungslos nach vorn gespielt, gegen Polen zum Beispiel und auch gegen Argentinien…
ZEIT: …aber im Halbfinale gegen Italien haben Sie in der zweiten Hälfte der Verlängerung noch mal alles nach vorn geworfen…
Löw: …ja, das ist richtig, hier haben wir aus heutiger Sicht einen Fehler gemacht. Man stelle sich vor: Wir wollten das Spiel auch in der 118. Minute unbedingt entscheiden, obwohl wir, da bin ich wirklich sicher, das Elfmeterschießen zu hundert Prozent gewonnen hätten.
ZEIT: Das würde in der Löw-Ära nicht wieder passieren?
Löw: Vermutlich nicht.

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