30 Jahre nach Córdoba kein «Wunder von Wien»

17. Juni 2008

Herbeigesehnt hatte man dieses Spiel, dieses entscheidende Spiel zwischen Deutschland und Österreich. Die DFB-Elf hatte zuvor gegen Kroatien gepatzt und benötigte nun mindestens ein Remis, sicherer war natürlich ein Sieg, für den Einzug ins Viertelfinale. Und es war nicht klar, wie gut oder schlecht Joachim Löws Kicker sein würden…

Das Spiel begann weniger verhalten als das der Deutschen gegen die Kroaten. In den ersten Minuten kamen immer wieder lange Bälle auf die beiden Sturmspitzen Klose und Gomez, die trotz Kritik zum wiederholten Male aufliefen. Es funktionierte überraschend vieles überraschend gut – doch eines nicht: der Torabschluss. Einen flachen Pass einen Meter vor dem Tor konnte Gomez nicht verwerten, obwohl der österreichische Torwart bereits geschlagen und er auch nicht von einem gegnerischen Abwehrspieler attackiert wurde, und lenkte ihn so über die Latte. Für einen «Spieler des Jahres» eine verbesserungswürdige Leistung.
Nach 20 Minuten begann die Druckphase Österreichs. Deutschland unternahm weniger nach vorne, Österreich rückte auf, besetzte die frei werdenden Räume und band die Deutschen in ihrer Hälfte.

Nach der Halbzeit war es jedoch Michael Ballack, der deutsche Kapitän, der seine Mannschaft mit einem ebenso wuchtigen wie präzisen Freistoß in Führung brachte und damit die Tür in Richtung Viertelfinale weit aufstieß.
In der Folge öffnete sich Österreich und enttarnte immer wieder die nicht optimale Abstimmung der Innenverteidigung. Statt des viel geschmähten Metzelders war es aber vor allem Mertesacker, der zu Fehlern neigte – die glücklicherweise alle ausgebügelt wurden, sei es durch den helfenden Metzelder oder durch Lehmann, der im Tor eine gute Figur machte und immer wieder ins Spiel eingriff.
Doch auch die Deutschen kamen immer wieder zu Chancen. So hatte der eingewechselte Neuville kurz vor Abpfiff das 2:0 auf dem Fuß, Klose rackerte in der Sturmzentrale und öffnete immer wieder Räume.

Eine klare Verbesserung der deutschen Mannschaft – etwas anderes war aber auch nicht zu erwarten. Insgesamt das beste EM-Spiel der Deutschen bisher. Ob diese Defensive allerdings auch bei portugiesischen Hochgeschwindigkeitskontern fehlerlos bleibt, steht auf einem anderen Blatt. Und: Gomez blockiert sich anscheinend leider selbst.

Die Deutschen in der Einzelkritik

Jens Lehmann war endlich in der Form, in der man sich ihn erhofft hatte. Souverän auf der Linie, mit bemerkenswerter Körpersprache und beeindruckendem Willen, sicher beim Herauslaufen. So muss ein Torwart aussehen, so und nicht anders!
Arne Friedrich spielte sehr souverän und besser, als viele Kritiker gedacht hatten. 2006 ein Unsicherheitsfaktor, 2008 ein wichtiger Stabilisator der Abwehr. Schaltete sich überraschend oft vorne ein. Defensiv eine saubere Leistung. Empfahl sich dringend für weitere Einsätze.
Per Mertesacker war nicht immer stabil. Der Bremer patzte zwei Mal (spielte ein Mal den Ball direkt in die Füße des österreichischen Angreifers; stieg ein Mal hoch, um eine Flanke zu antizipieren, erreichte sie aber nicht und sein Gegenspieler wäre durch gewesen, hätte Metzelder nicht reagiert). Muss gegen Portugal wachsamer und konzentrierter sein.
Christoph Metzelder kann Laufduelle für sich entscheiden. Sehr gutes Defensivspiel, bügelte mehrmals für Mertesacker aus. Schön zu sehen: Kommt in Zweikämpfen ohne Foul aus. Erreicht langsam die Form, die es braucht. Allerdings: An der Abstimmung mit Mertesacker muss noch dringend gefeilt werden.
Philipp Lahm spielte ordentlich. Vor allem durch mehrere Dribblings durch die dicht gestaffelte österreichische Defensive wusste der kleine Bayer aufzufallen. Hinten souverän, vorne gefährlich. Sehr gut!
Torsten Frings hielt sich zurück. Manchmal hätte man sich von ihm mehr Biss gewünscht. Seine Bälle aus dem Halbfeld waren fast immer zu weit geschlagen, erreichten die deutschen Stürmer kaum. Wie heute bekannt wurde, zog er sich im Spiel einen Rippenbruch zu, sein Einsatz gegen Portugal ist damit fraglich.
Michael Ballack war endlich dort, wo man ihn sehen wollte. Nachdem er in den letzten beiden Spielen wenig gute Aktionen hatte und eine hohe Fehlerquote zeigte, war Ballack gegen Österreich genau in der richtigen Form. Zweikampfstark, bissig, aber nicht unfair. Hätte er eine Gelbe Karte gesehen, wäre er im Viertelfinale gesperrt gewesen – doch er hielt sich zurück. Ein sehr, sehr gutes Spiel des deutschen Kapitäns, der sein Zwischentief überwunden zu haben scheint. Der Freistoß war scharf und präzise, hätte wohl jeden der Torhüter des Turniers in Verlegenheit gebracht. Bester Mann des Spiels, vorne wie hinten!
Lukas Podolski ist flexibel. Lief fiel im Mittelfeld, wurde jedoch sehr häufig durch Fouls gestoppt. Hatte immer wieder den Mut, einen Distanzschuss zu wagen und sorgte damit regelmäßig für Aufregung. Zeigte auch nach seiner Versetzung in den Sturm seine Qualitäten als Konterspieler. Ordentliche Partie!
Clemens Fritz tauchte kaum auf. Er hatte das Pech, dass viele Aktionen über Podolskis linke Seite liefen, während er mit seinen Gegenspielern haderte. Aber: Machte mit Friedrich die deutsche rechte Seite komplett dicht! Vielleicht ist dieses Duo ein Mittel gegen Cristiano Ronaldo…
Miroslav Klose arbeitete viel. Wie schon zuletzt suchte er eher selten den Abschluss und erkämpfte lieber vorne viele Bälle, den Abschluss überließ er zumeist den Mitspielern. Das Problem ist nur: Deutschland fehlt zur Zeit der klassische «Knipser». Sollte vielleicht öfter einmal einen Schuss wagen.
Mario Gomez erreichte wenig. Der Stuttgarter war nach der frühen Auswechselung sehr unzufrieden mit sich selbst, weinte auf der Bank. Die Großchance in der ersten Halbzeit muss für einen «Spieler des Jahres» in der Bundesliga eigentlich ein bombensicheres Tor sein. Gomez wirkt blockiert, er war nach dem Kroatien-Spiel auch der einzige Deutsche, der seine Freundin nicht ins Mannschaftshotel einlud. Scheint sich viel Druck zu machen und hohe Ziele zu setzen, was für eine Blockade sorgt. Vielleicht als Einwechselspieler besser, mit Wut im Bauch und Motivation frisch von der Bank. An seinen Qualitäten bestand in der Bundesliga ja nie ein Zweifel.
Thomas Hitzlsperger hätte besser sein können. Kam für Gomez und besetzte das linke Mittelfeld, weil Podolski in den Sturm wechselte. Spielte eine solide Partie, mehr aber auch nicht. Hinten brannte nichts an, nach vorne lief nicht viel. Wo sind seine Distanzschüsse?
Oliver Neuville vergab eine Großchance. Neuville wurde eingewechselt, sollte im Sturm für Entlastung und vielleicht das entscheidende 2:0 sorgen. Das hatte er kurz vor dem Abpfiff auch auf dem Fuß, erzielte aber keinen Treffer. Arbeitete auch defensiv gut mit. Spielt bislang ein gutes Abschiedsturnier.
Tim Borowski kam in der Nachspielzeit und hatte erwartungsgemäß wenig mit dem Spiel zu tun.

Tags: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Einen Kommentar schreiben