
Foto: Von Howie Berlin unter einer CreativeCommons-Lizenz auf flickr.com veröffentlicht.
In diesen Tagen ist der Bundestrainer in der Presse nur noch «der nette Herr Löw». Unbegreiflich erscheint die Innenraumsperre, die die UEFA jetzt verhängte, nachdem Löw gemeinsam mit dem österreichischen Nationaltrainer Josef Hickersberger im letzten Spiel der Gruppenphase noch in der ersten Halbzeit auf die Tribüne verbannt wurde. Dort saß er neben Bastian Schweinsteiger und musste sich einen Sitz mit Oliver Bierhoff teilen.
Diese Entscheidung reiht sich ein in eine ganze Serie anderer umstrittener Urteile von Mejuto Gonzalez, dem spanischen Referee der Partie. Der kicker vergab die Note 5,5 und urteilte: Seine auf Drängen des vierten UEFA-Offiziellen erfolgte Verbannung der beiden Trainer auf die Tribüne war völlig unangemessen und erweckte den Anschein der Selbstinszenierung.» Doch die nachträgliche Innenraumsperre für Löw im Viertelfinale gegen Portugal setzt noch einmal eins drauf. Denn: Hickersberger und Löw schienen sich nicht gegenseitig angeschrien zu haben, denn wieso hätten sie diesen Zwist unmittelbar nach der Bestrafung beilegen und beim Gang auf die Tribüne einander die Hände schütteln sollen? Wenn sich die beiden Trainer wirklich in die Haare gekriegt hätten, dann scheint eine solche Blitz-Versöhnung doch recht unwahrscheinlich.
Sowohl Hickersberger als auch Löw gaben anschließend in Interviews an, sich jeweils in ihrer Coaching Zone bewegt zu haben, um ihren Spielern Anweisungen zu geben. Daraufhin, so Löw im Gespräch mit Michael Steinbrecher, habe der Vierte Offizielle ihn aufgefordert, auf der Bank Platz zu nehmen. Löw jedoch sah dies nicht ein und legte laut eigenen Angaben in vier verschiedenen Sprachen dar, dass er als Trainer seine Aufgabe darin sehe, auch während des Spiels Anweisungen zu geben und dies nicht von der Bank zu tun gedenke. Inzwischen pflichtete ihm auch Hickersberger bei, der seine Coaching Zone verließ und die deutsche betrat, um Löw im Gespräch mit dem Vierten Schiedsrichter zur Seite zu stehen. Für die Fernsehkameras entstand das missverständliche Bild des in die deutsche Coaching Zone marschierenden Hickersberger, das einen Streit nahelegte. Den hat es jedoch, so beteuern die beiden Trainer, nicht gegeben.
Stattdessen habe sich der Vierte Offizielle uneinsichtig gegenüber der Kritik gezeigt und nun beide Trainer auf die Tribüne verbannen wollen, weswegen er den Schiedsrichter heranrief und dies bei ihm durchsetzte. Der Vorwurf der Selbstinszenierung ist also durchaus nicht von der Hand zu weisen; es deutet vieles auf einen UEFA-Schiedsrichter, der sich selbst zu wichtig nahm.
Damit, so hätte man meinen können, war die Sache gegessen. Löw begab sich auf die Tribüne, Hickersberger erklärte, wenn man den deutschen Trainer verbanne, dann werde auch er die Trainerbank verlassen. Eine noble Geste!
Nach dem Spiel beteuerten beide ihre Unschuld und harrten demütig der Dinge, die da kommen sollten. Mit dieser harten Reaktion der UEFA hatte jedoch keiner gerechnet. Zur Erinnerung: Weder Löw noch Hickersberger hatten irgendjemand beleidigt, beide legten ihren Sachverhalt dar und unterstützten sich dabei gegenseitig. Zudem verstand der Vierte Offizielle kein Deutsch, konnte sich also nicht zum Inhalt des angeblichen Gesprächs zwischen den beiden Trainern äußern. Aber: Er, der Vierte Offizielle, sah sich im Recht und focht dies durch. Dass sich nun jedoch auch noch die UEFA hinter ihn stellt, ist ein Skandal!
Löw und Hickersberger erhalten für ein Spiel Innenraumsperre, dürfen also weder vor dem Spiel noch in der Halbzeitpause die Kabine betreten und auch keinen Kontakt zur Trainerbank (etwa per Handy Anweisungen geben oder Ähnliches) oder den Spielern suchen. Natürlich ist auch die Bank tabu, die Sperre endet erst mit dem Abpfiff. In der Begründung der UEFA heißt es (Quelle: Tagesschau, Hervorhebungen und Anmerkungen von mir):
Gemäß den im Bericht des Schiedsrichters wiedergegebenen Ausführungen des vierten Offiziellen verhielten sich die beiden Trainer sehr nervös. In der 35. Minute kam es zu einem Wortgefecht zwischen den beiden Teamverantwortlichen, in dessen Verlauf sie sich gegenseitig anschrien. [Anmerkung: Laut den beiden Trainern ist dies unwahr.] Als der vierte Offizielle die Situation beruhigen wollte, wurde er von den beiden Teamverantwortlichen angeschrien. [Anmerkung: Die beiden Trainer werden also gesperrt, weil sie die Meinung des Vierten Offiziellen nicht als Befehl verstehen und klaglos hinnehmen, sondern kritisch hinterfragen und zur Diskussion stellen. Willkommen in der Meinungsdiktatur!] Es besteht kein Anlass, an der Richtigkeit des Schiedsrichterberichtes zu zweifeln, als ein unkorrektes Verhalten von Löw beschrieben wird. [Anmerkung: Dieser ist sich keiner Schuld bewusst.] Dieses bestand darin, dass der fehlbare Trainer in Richtung seines österreichischen Kollegen bzw. des vierten Kollegen schrie. [Anmerkung: Laut Löw galt sein Zorn ausschließlich dem Vierten Offiziellen, der verhindern wollte, dass sich Löw in seiner Coaching Zone bewegt. Stattdessen sollte er auf der Bank Platz nehmen.] Die Intensität dieses Verhaltens war offensichtlich derart, dass der mit der Erfahrung aus zahlreichen Spielen einer europäischen Profiliga verstückte Schiedsrichter keinen Augenblick zögerte, Joachim Löw aus der technischen Zone zu verweisen. Für den im Schiedsrichterbericht dargestellten Sachverhalt spricht auch der Umstand, dass sich beide Trainer beim Verlassen der technischen Zone die Hand reichten. [Anmerkung: Bitte was?! Löw ist schuldig, weil er Hickersberger die Hand reicht? Er wird für eine faire Geste bestraft? Wenn, ich betone, wenn er Hickersberger angeschrien hätte, dann wäre dies als Entschuldigung zu werten, also als Reue und damit strafmildernd. Die große Frage für mich: Warum wird Fairness bestraft, wenn der Schiedsrichter doch da ist, um diese zu gewährleisten?]
Ich habe beschlossen, mich über diese Diktatur der Meinungen und der Auslegung des Geschehens durch die Schiedsrichter nicht weiter aufzuregen, doch es misslingt mir. Mir geht es gegen den Strich, wenn zwei Trainer für gelebte Fairness (egal ob sie sich nun stritten oder nicht) bestraft werden.
In meinen Augen hatte die Entscheidung nur einen Sinn: Löw und Hickersberger sind rebellisch, müssen also bestraft werden. An der Richtigkeit der Aussagen des Schiedsrichters, der ja immerhin selbst ins Geschehen verwickelt war, wird nicht gezweifelt, wohl aber an den von Löw und Hickersberger dargestellten Versionen. Wo gibt es das denn? Wo sind Betroffene glaubwürdigere Zeugen als Nicht-Betroffene?
Dass unter Schiedsrichtern eine gewisse Neigung besteht, die eigenen Entscheidungen für richtig und nicht kritisierbar zu halten (hier fällt mir sofort Urs Meier ein, der als Experte für das ZDF in der Regel den Schiedsrichter pauschal verteidigt, auch bei Fehlentscheidungen). Zwar gibt es Ausnahmen (mir kommen hier einige Bundesliga-Schiedsrichter in den Sinn, die nach dem Spiel eigene Fehlentscheidungen im Fernsehen sahen und auch die Größe hatten, dies einzuräumen), aber ein Trend scheint mir erkennbar. Die Sperre von Löw und Hickersberger scheint ein neuer Höhepunkt auf diesem Gebiet zu sein.
Einen sehr treffenden Kommentar hat auch Philipp Selldorf für die Süddeutsche verfasst:
Von Verhältnismäßigkeit kann eh keine Rede sein, sonst hätten die Richter berücksichtigt, dass nervöse, schreiende und in der Coaching-Zone herumtigernde Trainer nichts Ungewöhnliches sind bei einem EM-Turnier, siehe die bisher nicht belangten Bilic, Scolari oder Terim. Löw und Hickersberger hatten das Pech, dass bei ihnen daraus ein Fall entstand. Für die Uefa zählt aber nicht der Einzelfall, sondern allein die Bestätigung ihrer Obrigkeit und der Autorität der Schiedsrichter
Bleibt nur noch zu sagen: Go, Hansi, go!
Tags: Österreich, Bastian Schweinsteiger, Deutschland, EM 2008, Euro 2008, Europameisterschaft, Hansi Flick, Innenraumsperre, Joachim Löw, Josef Hickersberger, kicker, Mejuto Gonzalez, Oliver Bierhoff, Schiedsrichter, Tagesschau, UEFA, Urs Meier

