Die Runde der letzten Acht

19. Juni 2008

Kleiner Junge, großer Zaun
Foto: Von czorcicho auf flickr.com veröffentlicht, mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Die Hälfte der Mannschaften ist ausgeschieden, die andere Hälfte weiter. Jetzt stehen die acht besten Nationalteams Europas im Viertelfinale. Ein Blick auf die Turnierteilnehmer in Schlagworten.

Portugal
Die Portugiesen spielen derzeit eines ihrer stärksten Turniere. Angriffsfußball in extremer Geschwindigkeit, ein spielfreudiges und kreatives Mittelfeld, das sich mit dem dynamischen Cristiano Ronaldo und dem etwas statischeren Deco mit dem besseren Blick für den freien Raum perfekt ergänzt.
Die Abwehr steht stabil, Pepe ist die Entdeckung des Tuniers: hinten stabil, nach vorne agil, durch sein Vorwärtsdrängen offenbart er Schwächen in der gegnerischen Raumdeckung.
In dieser Form erreicht Portugal relativ problemlos das Halbfinale.

Türkei
Die Türken glänzten vor allem durch ihre furiosen Angriffe in der Endphase des Spiels gegen Tschechien. Hamit Altintop glänzte als Vorbereiter, hielt das Mittelfeld zusammen. Mit einer stabilen Abwehr sieht es nicht schlecht aus gegen Kroatien.

Kroatien
Gewann alle drei Spiele, entwickelten aber eher selten ein eigenes Spiel. Insgesamt profitierte Bilic eher von dem starken Olic, der im Sturm viel rannte und immer wieder Freistöße herausholte. Das Spiel gegen die Türkei wird wohl spannend, aber nicht hochklassig werden.

Deutschland

Im Spiel gegen Kroatien erschreckend schwach, gegen Österreich eine deutliche Steigerung, aber immer noch Kritik. Ballack zeigt sich endlich als der Kapitän, der er sein will.
Das größte Problem der Deutschen: der schwache Sturm. Podolski schoss Tore, Klose arbeitete viel, hatte aber selten zwingende Chancen, Gomez hatte Chancen, vergab diese aber (man muss ihm aber zugute halten, dass Frings’ Flanken alle hinter ihn gespielt wurden und deswegen sehr schwer zu verwerten waren). Neuville konnte als Einwechselspieler für Wirbel sorgen, aber war im Abschluss auch nicht einwandfrei.
Die Innenverteidigung mit Metzelder und Mertesacker war überraschend stabil und bügelte sich gegenseitig die Fehler aus. Aber: Es haperte an der Abstimmung zwischen den Außen- und den Innenverteidigern. Insgesamt stand der Defensivverbund sehr kompakt, was für viele Flankenläufe der Gegner sorgte. Vielleicht wäre es eine Option, die Abwehr breiter auf dem Spielfeld zu positionieren, also vor allem die Außenverteidiger mehr auf die Flügel zu schieben. In der Mitte würde dann ein defensiver Mittelfeldspieler direkt in der Zentrale benötigt, um alles abdecken zu können; für ihn müsste ein Stürmer ins verteidigende Mittelfeld nachrücken (ich denke hier an Klose). Das wäre das Modell für eine stabilere Verteidigung, die auf den Flügeln besser positioniert ist.

Niederlande
Die beste Mannschaft des Turniers bis jetzt ist eindeutig die Niederlande. Bondscoach Marco van Basten formte ein angriffsfreudiges Team, das jedoch – im Gegensatz zu seinen Vorgängern – auch die Defensive nicht außer Acht lässt. Die Holländer sterben also nicht in Schönheit, sondern halten hinten den Laden zusammen und führen nach vorne sehr zügige Angriffe.
Es besteht wohl kein Zweifel, dass die Niederlande glasklarer Favorit für das Erreichen des Halbfinales ist.

Italien
Der Weltmeister kam keineswegs souverän ins Viertelfinale. Luca Toni im Sturm vergab viele Chancen, aber war immer gut postiert – ihm fehlt nur das Glück im Torabschluss.
Wie es gegen die Spanier ausgeht, ist offen. Aber das Fehlen von Defensiv-Beißer Gennaro Gattuso wird sicherlich dazu führen, dass die Iberer zu Chancen kommen und sich eventuell auch ein Übergewicht im Mittelfeld erspielen können. Kann Andrea Pirlo genug Wirbel in der zuletzt eher spanischen Abwehr von Luis Aragonés entfachen?

Spanien
Spanien spielte wunderbaren Angriffsfußball, hat aber eine Schwäche: die linke Abwehrseite. Schon in den Gruppenspielen wurde dies ausgenutzt und sorgte für Aufregung vor dem Tor von Iker Casillas – und jetzt, im Viertelfinale, werden die Gegner hier sicher konsequenter zuschlagen. Wenn die Spanier das Abwehrloch flicken können, dann sieht es durchaus gut aus, denn die italienische Abwehr ist keineswegs in der Form von 2006, das Fehlen Cannavaros ist bemerkbar. Torres und Villa könnten sie fachgerecht zerlegen und ihre Bestandteile auftrennen – könnten…

Russland
Schade, dass Guus Hiddinks Russen im Viertelfinale auf die Niederlande treffen. Beide Nationen ähneln sich in ihrer Spielweise sehr: Sehr dynamisch und beweglich nach vorne. Doch schon gegen die eher schwachen Schweden ließ die russische Defensive einige Chancen zu. Passiert das gegen die Elf von Marco van Basten wieder, dann scheidet Russland im Viertelfinale eindeutig aus. Von der Offensive her könnte es klappen, aber solange die Abwehr wackelt, gewinnen die jungen Russen gegen Holland keinen Blumentopf (sämtliche Tulpen-Witze hab ich mir gerade übrigens verkneifen müssen).

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