Ist es eigentlich Pflicht, dass alle Artikel heute mit «Wer hätte das gedacht?» beginnen?
Aber um auf das Spiel zu sprechen zu kommen: Der Bauch wollte «ja» sagen, der Kopf ein «nein» aufzwingen, gab sich aber nach Schweinsteigers Führungstor geschlagen. Die Deutschen waren gut, verdammt gut!
Dem deutschen Trainerstab gelang ein Kunstgriff: das einge- und überspielte 4-4-2 wurde abgeschafft, stattdessen ein 4-2-3-1 (also ein 5er-Mittelfeld mit 2 defensiven Mittelfeldspielern) gespielt. Rolfes und Hitzlsperger als Abräumer vor der Abwehr, vor ihnen Ballack, Podolski und Schweinsteiger. Angesichts des guten Zweikampfverhaltens bedeutete diese Aufstellung eine Überlegenheit im deutschen Mittelfeld über weite Strecken des Spiels. Gleichzeitig war die Aufstellung auch offensiver als gedacht: Immer wieder konnten Spieler (vor allem natürlich Ballack, Podolski und Schweinsteiger, aber auch Hitzlsperger) den großen Abstand zwischen der Abwehr und dem Mittelfeld der Portugiesen nutzen, sei es für Flanken und Zuspiele oder für Solo-Aktionen und Torschüsse.
Bei Klose machten die Trainer aus der Not eine Tugend: da der Stürmer sich in einer Form-Krise befand, wurde er kurzerhand vom Torjäger zum Ballverteiler umfunktioniert, er kopierte Nuno Gomes – und das durchaus nicht schlecht, ebenso wie die restliche deutsche Offensive, die immer wieder gelungene Attacken nach dem portugiesischen Vorbild zeigte. Vor allem Schweinsteiger und Podolski wussten zu begeistern.
Die stärkste deutsche Elf stand heute wirklich von Anfang an auf dem Feld. Fritz, der später eingewechselt wurde, unterband die Flanke zum 3:2 nicht und machte es noch einmal verdammt spannend, weil Deutschland sich in einigen Phasen des Spiels in die eigene Hälfte zurückdrängen ließ (wie schon gegen Kroatien und teilweise auch Österreich), lediglich Podolski schleppte sich immer wieder zu Entlastungsangriffen nach vorn.
Insgesamt ein verdienter Sieg, Deutschland hatte die klareren Chancen und nutzte diese auch konsequent. Portugal war immer wieder am Drücker, konnte Deutschland aber nur kurz sein Spiel aufzwingen. Den Portugiesen gefiel es sichtlich nicht, fast 70 Minuten lang einem Rückstand hinterherzulaufen.
Die Trainerdiskussion dürfte nach diesem Spiel beendet sein. Konnte man den Deutschen in der Vorrunde noch vorwerfen, keinen Mut zu Veränderungen zu zeigen, so war dies heute keineswegs der Fall. Löw erprobte mit dem 4-5-1 ein neues System und wurde dafür belohnt. Wenn Deutschland diesen Weg des Nicht-Verharrens weitergeht, dann ist in diesem Turnier einiges möglich – auch der Sieg!
Die Deutschen in der Einzelkritik
Jens Lehmann: Endlich wieder in der Form der WM! Extrem konzentriert und ohne Fehler. Bei den Gegentoren machtlos.
Arne Friedrich: Schaltete Cristiano Ronaldo aus. Muss man mehr sagen? Nein!
Per Mertesacker: Der schwächste Deutsche auf dem Platz. Defensiv nicht immer einwandfrei, machte aber seine Fehler wieder gut. Trägt Teilschuld am zweiten Gegentor, suchte nicht einmal das Kopfballduell gegen den Torschützen Helder Postiga, sondern blieb am Boden kleben.
Christoph Metzelder: Mit Mertesacker in der Defensivzentrale ordentlich. Kleinere Patzer, in der ersten Halbzeit offensiv sehr aktiv (der Versuch einer Pepe-Kopie?), aber insgesamt geht der Daumen eindeutig nach oben.
Philipp Lahm: Musste defensiv viel für den sehr offensiven Podolski mitlaufen und kam deswegen immer wieder in Verlegenheit. Wenn er nicht allein gelassen wurde, dann war er einwandfrei.
Thomas Hitzlsperger: Besser als Frings. Defensiv gut, nach vorne gute Zuspiele. Hatte Chancen, aber Probleme mit dem Ball beim Torschuss. So im Halbfinale eindeutig gesetzt, Frings kann sich auf der Bank noch etwas schonen.
Simon Rolfes: Gemeinsam mit Hitzlsperger souveräner Abräumer vor der Abwehr. Seine Offensivaktionen waren immer wieder sehr gut, aber die portugiesische Abwehr war über die Mitte kaum zu knacken.
Bastian Schweinsteiger: Ein Tor geschossen, die beiden anderen Tore vorbereitet. Zweikampfstark, willensstark, laufstark. Mann des Spiels, zweifellos!
Michael Ballack: Nach dem Freistoßtor jetzt auch ein Kopfballtor. Der Kapitän kommt immer besser in Form, rennt, grätscht, schießt, köpft und kämpft. Er lebt ein positives Beispiel vor, gibt immer alles. Am Ende des Turniers muss dieser Mann den Pokal in seinen Händen halten, alles andere ist ungerecht.
Lukas Podolski: In der ersten Halbzeit offensiv sehr stark und defensiv eher schwach. In der zweiten Halbzeit eine ausgewogene Mischung, er arbeitete mehr nach hinten und unterstützte seinen Hintermann Lahm wesentlich besser. Das laufintensive Spiel konnte er kurz vor Schluss allerdings nur noch begrenzt mitmachen, dennoch schleppte er sich für wertvolle Entlastungsangriffe nach vorne. Kurz vor dem Krampf mit dem Ball am Fuß holte er wertvolle Sekunden heraus!
Miroslav Klose: Köpfte zum 2:0 ein. Gutes Spiel! Wenn das Mittelfeld so gut nachrückt wie heute, dann ist auch sein eher mittelmäßiger Zug zum Tor eine Stärke, denn seine vorne erkämpften und weiterverteilten Bälle sind brandgefährlich.
Tim Borowski: Ersetzte den erschöpften Hitzlsperger, um die Lücken im defensiven Mittelfeld zu schließen. Spielte ordentlich.
Clemens Fritz: Kam für Schweinsteiger und unterband die Flanke, die zum 3:2-Anschlusstreffer führte, nicht. Ansonsten kaum Aktionen, die Spielzüge in der Offensive klappten bei den Entlastungsangriffen nicht. Er muss begreifen, dass er als Einwechselspieler noch die Kraft für Angriffe hat und deswegen bei Entlastungsangriffen immer als Anspielstation zur Verfügung stehen muss.
Marcell Jansen: Kam kurz vor dem Ende für Klose und sollte ein Gegentor verhindern. Aufgrund der Kürze des Einsatzes kaum zu sehen.
By the way: Ich wollte in diesem Artikel noch irgendwie die Zeile «Deco nur Deko» unterbringen, hab’s aber nicht mehr geschafft. Dummerweise wurde dieses wunderbare Wortspiel inzwischen schon woanders verwurstet. Ich war erster, kann’s aber nicht beweisen. Mist!
Tags: 4-2-3-1, 4-4-2, Arne Friedrich, Österreich, Bastian Schweinsteiger, Christoph Metzelder, Clemens Fritz, Cristiano Ronaldo, Deutschland, EM 2008, Euro 2008, Europameisterschaft, Hansi Flick, Helder Postiga, Jens Lehmann, Joachim Löw, Kroatien, Länderspiel, Lukas Podolski, Marcell Jansen, Michael Ballack, Miroslav Klose, Nationalmannschaft, Nuno Gomes, Pepe, Per Mertesacker, Philipp Lahm, Portugal, Simon Rolfes, Thomas Hitzlsperger, Tim Borowski


20. Juni 2008 um 17:31
Hi – Deine Aufstellungsformation ist nicht ganz richtig. Es war statt dem 4-4-2 ein 4-2-3-1 (nicht 4-5-1) System.
Gruß
Jens
20. Juni 2008 um 17:32
[...] raus. Wer hätte das gedacht? (übrigens wird dieser Satz momentan so oft verwendet, dass manche genervt sind) Und das beste ist, eigentlich steht Deutschland schon im Finale, denn egal wer heute gewinnt, ob [...]
20. Juni 2008 um 20:28
[...] Juli Coach des FC Chelsea, konnte wieder lachen. Vielleicht war es auch die Vorfreude auf Ballack.„Am Ende des Turniers muss dieser Mann den Pokal in seinen Händen halten, alles andere ist ungere… (Quelle siehe [...]