Klinsmann und sein Trainerteam bei den Bayern

28. Juni 2008

Selten wurde so viel Wirbel gemacht um Co-Trainer, Sportpsychiologen und Konditionsexperten wie in den vergangenen Wochen beim FC Bayern München, der mit Jürgen Klinsmann als Cheftrainer anscheinend eine neue Ära einleiten will. Mit Argusaugen beobachten die Medien jede noch so kleine Änderung rund um den Verein, der in diesen Tagen tatsächlich wieder zum «FC Hollywood» zu werden scheint.

Die spektakulärste Vertragsunterschrift war sicherlich die des Cheftrainers Jürgen Klinsmann. Der 43-Jährige hatte zuvor nur die deutsche Nationalmannschaft trainiert, verfügt über keinerlei Erfahrung als Vereinstrainer. Auch beim FC Bayern war Klinsmann, der 2003 weit nach seinem Karriereende unter dem Pseudonym «Jay Goppingen» acht Spiele für den amerikanischen Klub Orange County Blue Star bestritt, nicht immer wohlgelitten. Die Nähe der Bayern-Führungsetage zur BILD-Zeitung ist sprichwörtlich, vor allem Franz Beckenbauer und Paul Breitner sind Garanten für Insider-Informationen für die Illustrierte. Das krasse Gegenteil dazu ist Klinsmann: Nachdem die BILD Anfang der 80er Jahre dem Fußballer homosexuelle Neigungen andichten wollte, brach dieser jeden Kontakt zu dem Blatt ab. Die Feindschaft währte lange, erst im Laufe der WM 2006, als Deutschland von einer Euphorie erfasst wurde, schwenkte die BILD ein.
Klinsmann ist kein leichter Charakter, gilt als eigensinnig und bietet damit ein gelungenes Ziel für Angriffe, falls er sein Ziel nicht erreichen sollte.

Klinsmanns rechte Hand beim FC Bayern wird Martin Vasquez sein. Der gebürtige Mexikaner spielte sowohl für die mexikanische als auch für die amerikanische Nationalmannschaft. Seine Karriere als Spieler ist eher unspektakulär: Zehn Jahre lang spielte Vasquez für mexikanische und amerikanische Vereine, die heute teilweise nicht mehr existieren. Auch seine Trainerkarriere sorgt nicht unbedingt dafür, dass ihm fortan in Europa großes Ansehen entgegen gebracht wird: Vasquez war bislang noch nie Cheftrainer eines Klubs, sondern arbeitete immer als Assistenz-Coach. Der bekannteste Verein, für den er tätig war, dürfte wohl Los Angeles Galaxy sein, wo er 2004 als Assistenztrainer angestellt war.
Klinsmann erklärte, dass er auf Vasquez bei einem «Elite-Fußball-Camp in den USA» (O-Ton Klinsmann), das Vasquez als Trainer betreute, stieß.
Bislang spricht der neue Co-Trainer noch kein Deutsch, belegt aber einen Sprachkurs. Bis dahin wird er sich mit den Spielern auf Englisch und Spanisch verständigen. Die FAZ mutmaßte, dass Vasquez im Auftrag Klinsmanns die zuweilen isolierten Latino-Kicker des FC Bayern besser in die Mannschaft integrieren soll.

Nick Theslof ist in Europa ein ebenso unbekannter Name wie der des Co-Trainers Martin Vasquez. Der Amerikaner war Trainer des amerikanischen Drittligisten Orange County Blue Star, wo Jürgen Klinsmann unter dem Pseudonym Jay Goppingen nach seinem Karriereende noch einmal einige Spiele absolvierte. In den wenigen Monaten, in denen sich Klinsmann von Theslof trainieren ließ, entstand offenbar ein Vertrauensverhältnis, das den neuen Bayern-Trainer bewog, Theslof nach Europa zu holen. Bereits vor der WM 2006 hatte er für den damaligen Nationaltrainer Klinsmann weltweit Spiele beobachtet und analysiert; die Ergebnisse schienen ansprechend zu sein, denn jetzt wird Theslof Assistenztrainer beim FC Bayern und soll auch in der Scouting-Abteilung von Wolfgang Dremmler aushelfen.
Theslof versteht weit mehr vom europäischen Fußball, als man auf den ersten Blick glaubt: Im Alter von 15 kam er in das Jugendinternat von PSV Eindhoven und spielte dort zwei Jahre lang in den Jugendmannschaften. Seine Karriere als Spieler musste er verletzungsbedingt jedoch früh beenden. Klinsmann zog Theslof als Spezialist für Individualtraining mit einzelnen Spielern heran, verspricht sich in erster Linie Verbesserungen im Hinblick auf Technikfertigkeiten und Taktikverständnis.

Walter Junghans beerbt Sepp Maier als Torwarttrainer. Der Abschied der «Katze von Anzing» stand schon vor der Verpflichtung Klinsmanns fest, es ist aber kein Geheimnis, dass zwischen Klinsmann und Maier ein angespanntes Verhältnis besteht, seitdem der Nationaltrainer die Stelle des Torwarttrainers mit Andreas Köpke neu besetzte und Maier ausbootete.
Junghans gehörte bereits in dieser Saison zum Trainerstab des FC Bayern. Vor den Münchnern war Junghans auch schon für Benfica Lissabon und Athletic Bilbao als Torwarttrainer tätig; Klinsmann schätzt seinen neuen Mann für die internationale Erfahrung. In der vergangenen Spielzeit hatte er schon Gelegenheit, sich an der Seite von Maier in die Münchener Verhältnisse einzuarbeiten. Junghans war in seiner aktiven Zeit Ersatztorhüter für Sepp Maier, spielte als erster Torwart unter anderem für den FC Schalke und Hertha BSC Berlin in der ersten und zweiten Liga. Insgesamt hat er mehr als 400 Profi-Spiele absolviert.

Ähnlich wie bei Junghans war die Verpflichtung von Oliver Schmidtlein als Konditionstrainer schon beschlossene Sache, als Klinsmann noch nicht als neuer Trainer bekannt war. Der gebürtige Franke Schmidtlein war bereits von 2002 bis 2007 beim FC Bayern angestellt, zunächst als Physiotherapeut und Reha-Trainer, später auch als Konditionstrainer. Nach der Saison 2006/2007 verließ Schmidtlein den Verein, um sich selbstständig zu machen; er arbeitete unter anderem für die deutsche Nationalmannschaft. Gemeinsam mit dem Amerikaner Mark Verstegen war Schmidtlein vor der WM 2006 für das Fitness-Training der Nationalspieler zuständig. Nach der EM wird er für die DFB-Elf nur noch in beratender Funktion tätig sein und sich in erster Linie auf den FC Bayern konzentrieren.
Neben Oliver Schmidtlein werden auch der Brasilianer Marcelo Martins (ein Teil des Mark-Verstegen-Zentrums «Athletes’ Performance», für sein Profil auf der Firmenseite nach unten scrollen) und der Kanadier Darcy Norman (ebenfalls Teil der Verstegen-Gruppe, aber auch freiberuflich tätig) das Münchener Fitness-Team verstärken. Schon seit letzter Saison an der Isar tätig ist Thomas Wilhelmi, der wie Schmidtlein bereits für den DFB arbeitete und durch Praktika Einblick in Verstegens Fitness-Zentren gewinnen konnte.

Von der TSG Hoffenheim wird Philipp Laux an die Isar wechseln. Früher als Torwart aktiv, soll er nun als Mentaltrainer den Stab um Jürgen Klinsmann verstärken. Laux spielte in lange für den SSV Ulm, mit dem ihm innerhalb von zwei Jahren der doppelte Aufstieg von der Regional- in die Bundesliga gelang.
Klinsmann dürfte Laux in erster Linie von seiner Zeit als Nationaltrainer kennen. Seit 2004 war Laux für den DFB tätig und betreute mehrere Jugendmannschaften (U18 bis U21) und 2005 auch kurz die Frauen-Auswahl. Seit 2006 war er als Torwarttrainer Bestandteil des Teams um Ralf Rangnick bei der TSG Hoffenheim. Laux schloss 2008 erfolgreich sein Psychiologie-Studium ab.
Laut Klinsmann soll Laux als Sportpsychiologe und Fortbildungsleiter für den FC Bayern tätig sein und «neben mir die inhaltliche Planung im neuen Leistungszentrum übernehmen».

Christian Nerlinger verhält sich zum FC Bayern wie Oliver Bierhoff zur Nationalmannschaft: Aufgabe Teammanager. Klinsmann holte seinen Teamkameraden, mit dem er bei den Bayern die deutsche Meisterschaft und den UEFA-Cup gewann, von der Munich Business School zurück in den Klubfußball. Nerlinger will unbedingt seinen Studiengang in Internationaler BWL abschließen, ist nach eigenen Angaben mit der Abschlussarbeit beschäftigt und wird etwa ein Dreivierteljahr benötigen, um diese – parallel zu seiner neuen Aufgabe beim Verein – zu beenden.
Nerlinger kam mit 15 Jahren nach einem Probe-Training zum deutschen Rekordmeister, den er erst im Alter von 25 Jahren wieder verließ. Er kann also aus seinen eigenen Erfahrungen als Aktiver beim Verein schöpfen, der die verschiedenen Jugendmannschaften durchlief.
Neben dem FC Bayern spielte Nerlinger auch für Borussia Dortmund, sammelte internationale Erfahrung bei den Glasgow Rangers und beendete seine Spielerkarriere beim FC Kaiserslautern.

Michael Henke, zuvor Co-Trainer von Klinsmann-Vorgänger Ottmar Hitzfeld, wird dem Verein erhalten bleiben – jedoch auf Klinsmanns Wunsch mit veränderter Aufgabe. Von der neuen Saison an wird der 51-Jährige verantwortlich für die Spielbeobachtung sein und als Chefanalytiker Jürgen Klinsmann zuarbeiten. Henke selbst verglich seine neue Aufgabe mit der Urs Siegenthalers bei der Nationalmannschaft: In erster Linie ein Bürojob, kein unmittelbarer Teil des Trainerstabs.

Weitere Informationen zu den einzelnen Personen des Trainerstabs gibt es auf der Webseite des FC Bayern. Dort werden die verschiedenen Neuverpflichtungen vorgestellt:

Ein Trainerwechsel und jede Menge Wirbel um verschiedene Personalien. In wenigen Monaten wird sich zeigen, ob alles viel Wirbel um Nichts war oder ob Klinsmann tatsächlich den gesamten Verein revolutioniert.

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