Das Gespräch von Matthias Sammer mit Michael Horeni in der FAZ schlägt mittlerweile hohe Wellen (vgl. dazu etwa die Presseschau bei Indirekter Freistoss). Sammer wird Machtstreben unterstellt, er will angeblich nach der WM 2010 Bundestrainer werden und Joachim Löw ablösen.
In diesem Zusammenhang finde ich besonders eine Passage interessant, wo es um die Kompetenzverteilung bei der Nachwuchsarbeit geht. Sammer sagte:
Ich bin als Sportdirektor in Abstimmung mit dem jeweiligen allein zuständig für die U15 bis U20, für die U 21 sind darüber hinaus neben Horst Hrubesch und mir auch Joachim Löw und Oliver Bierhoff mitverantwortlich. [...] Dass es gefährlich sein kann, die Verantwortung auf vielen Schultern zu verteilen, das erkenne ich bei jungen Spielern und bei den Klubs. Wenn ich die Entwicklung etwa von Toni Kroos oder den Bender-Zwillingen sehe, ist das einfach nicht gut. Wir haben da auch als Verband noch nicht die richtigen Mittel und Wege gefunden, um unsere jungen Topleute beim Eintritt in den Senioren-Bereich weiter zu fördern – und die Spieler sind dann eben oft die Leidtragenden. Wir müssen den gesamten Weg im Blick haben und dies auch DFB-intern aufarbeiten, damit die Klubs von unserer Arbeit profitieren und Jogi Löw in der A-Mannschaft optimal vorbereitete Spieler übernehmen kann.
Kurz: Sammer fordert mehr Kompetenzen für sich (im Interview erwähnt er in diesem Zusammenhang auch, dass er es gewohnt sei, Verantwortung zu übernehmen – er wirbt also für seine eigenen Fertigkeiten). Joachim Löw soll als Bundestrainer am Ende dieser «Verwertungskette» stehen, der nur noch mit dem «Endresultat», dem fertig ausgebildeten Spieler, zu tun haben soll.
Ich halte von diesem Vorschlag relativ wenig, auch wenn Sammers Ergebnisse in der Jugendarbeit des DFB beeindruckend sind (wenn ich die verschiedenen Interviews und Berichte korrekt deute, ist Sammer der erste Sportdirektor, der tatsächlich ein durchgängiges Konzept für die Jugendarbeit hat). Warum sollte der Bundestrainer nicht beispielsweise im Rahmen eines Turniers Kontakt zu der DFB-Jugendauswahl aufnehmen, also z.B. ins Mannschaftshotel kommen und einige Fehler ansprechen oder neue Möglichkeiten aufzeigen?
Worauf sich Sammers Kritik bei der Entwicklung der Spieler Kroos und Bender bezieht, ist für mich nicht ersichtlich; ich habe allerdings auch keinen Zugriff auf detailliertere Statistiken wie die physische Entwicklung, Zweikampfwerte, etc. Kroos und die Benders haben Spielpraxis erhalten, sie kommen in ihren Vereinen zum Einsatz – und diese Wettkampfpraxis ist ja eine der Bedingungen für eine positive Entwicklung der Spieler.
Die Saison 2008/09 im Detail (Quelle: Spielerprofile bei transfermarkt.de, Kroos, L. Bender, S. Bender):
- Vorbemerkung: «Spiele über die volle Distanz» entspricht der Spielzeit in Minuten geteilt durch 90, die Nachspielzeit bleibt also unberücksichtigt. «x% einer Bundesliga-Saison» errechnen sich aus der Spielzeit in Minuten geteilt durch 3060 (34 x 90min, Nachspielzeit und eventuelle Relegation bleiben also unberücksichtigt).
- Toni Kroos (* 4.1.1990): 17 Bundesliga-Partien, 4 Spiele im DFB-Pokal, 1 Kurzeinsatz in der Champions League; insgesamt 1077 Spielminuten in der jeweils höchsten Spielklasse; entspricht 11,967 Spiele über die volle Distanz; entspricht 35,196% einer Bundesliga-Saison
- Lars Bender (* 27.4.1989): 15 Zweitliga-Partien, 2 DFB-Pokal-Spiele; insgesamt 1242 Spielminuten; entspricht 13,8 Spiele über die volle Distanz; entspricht 40,588% einer Bundesliga-Saison
- Sven Bender (* 27.4.1989): 25 Zweitliga-Partien, 1 DFB-Pokal-Einsatz; insgesamt 1769 Spielminuten; entspricht 19,656 Spiele über die volle Distanz; entspricht 57,810% einer Bundesliga-Saison.
- Fazit: Alle drei Spieler haben im vergangenen Jahr mindestens ein Drittel der Saison absolviert. Toni Kroos konnte für einige Zeit wegen einer Verletzung nicht spielen, wahrscheinlich wäre ohne diesen wochenlangen Ausfall auch seine Werte besser.
Sven Bender stand mehr als die Hälfte einer Bundesliga-Saison auf dem Feld.
Anhand dieser Werte lässt sich nicht feststellen, dass die Spieler im Verein nicht genug gefördert werden; im Gegenteil: es ist das Bemühen zu erkennen, sie nicht frühzeitig zu «verheizen» (was zum Beispiel wohl einer der Gründe für das frühe Karriereende von Sebastian Deisler gewesen sein dürfte).
Eventuell können detailliertere Statistiken (zu Zweikampfwerten etc.) Sammers Thesen untermauern, die bloße Spielzeit vermag dies nicht.
Tags: DFB, DFB-Juniorenauswahl, FAZ, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Horst Hrubesch, Indirekter Freistoss, Joachim Löw, Lars Bender, Matthias Sammer, Michael Horeni, Oliver Bierhoff, Sebastian Deisler, Sven Bender, Toni Kroos, Transfermarkt.de, U21, WM 2010



19. Juni 2009 um 12:58
Das Problem Toni Kroos ist laut Aussage mehrerer Trainer, die ihn zuletzt begleitet haben, dass er charakterlich überhaupt nicht auf den Profifußball vorbereitet ist. Ähnliches gilt wohl für die Benders.
Schlimmer noch als zu Zeiten der vorangegangenen Spielergeneration hat sich im Zuge der beschleunigten Medialisierung ein altbekanntes Problem bei den früh hochgelobten Spielern krass manifestiert: Wer talentiert ist, ruht sich gerne darauf aus. Das gab es immer schon.
Wenn durch mangelnde Persönlichkeitsentwicklung dann auch noch Arroganz und Kritikunfähigkeit dazu kommt, ist die Weiterentwicklung solcher fehlgeleiteten Spieler nachhaltig gestört – sie sind schon ewige Talente, bevor sie überhaupt zum Stammspieler werden, was sie mangels Charakterstärke womöglich auch nie mehr werden.
Damit will ich weder Toni Kroos noch Lars oder Sven Bender unterstellen, sie seien charakterlose Gesellen. Ich denke aber, dass Sammer auf die gewachsene Gefahr des Scheiterns mangels Persönlichkeitsentwicklung hinweisen will, wenn er auf die drei Spieler hinweist, die ohne Anleitung und Hilfe extremen Verlockungen widerstehen mussten und damit vielleicht manchmal überfordert waren. Gemessen an ihrem Talent spielen sie jedenfalls zu wenig. Talent alleine ist aber nicht das Kriterium, nachdem der Trainer aufstellt
„Verheizen“ ist übrigens großer Unsinn. Spielzeit ist durch keine andere Erfahrung zu ersetzen.
19. Juni 2009 um 14:23
Was ist schon ein Drittel der Spiele? Wenn einer richtig talentiert ist muss er fast alle machen. Und es sollte eine bessere mentale Vorbereitung erfolgen, auch wenn manche Spieler, früher wie heute, darauf einfach nicht anspringen. Ewige Talente wird es immer geben. Ich weise ganz schüchtern auf meine Gedanken zu dem Thema hin, v.a. in Bezug auf die U21 EM. http://tinyurl.com/n2d2bn
19. Juni 2009 um 15:57
Ich frage mich, ob man manchmal von den jungen Spielern nicht teilweise zu viel erwartet.
Toni Kroos ist 19, andere Menschen in seinem Alter machen gerade Abitur – und er verdient einen Haufen Kohle und soll dabei auf dem Teppich bleiben, um noch besser und der nächste Michael Ballack zu werden? Legt man da nicht gleich einen etwas großen Maßstab an? Was wirft man einem 19-Jährigen da gerade vor? Dass er sein Talent nicht voll ausschöpft? Kann man es ihm nicht einfach zugestehen, dass er seine Zeit braucht, um sich auch charakterlich zu entwickeln – und kann man nicht einsehen, dass dieser Prozess nicht abzukürzen ist? Entweder er ist soweit oder er ist nicht soweit…
Ich halte es für einen grundlegenden Fehler, Talente immer spielen zu lassen. Sie brauchen Pausen, sie brauchen Zeit zur Regeneration. 90 Minuten Spiel sind eben nicht wie eine weitere Trainingseinheit, sondern sie sind eine echte Belastung – und gerade im langfristigen Interesse sollte man hier den Druck dosieren, nicht wegen der mentalen, sondern wegen der physischen Belastung.
19. Juni 2009 um 16:06
Natürlich nicht jedes Spiel über die volle Distanz. Aber doch als regelmäßiger Stammspieler wie z.B. Marin bei Gladbach. Das hat Meyer hervorragend gemacht mit dem Jungen (auch wenn manche peinlichen Sportjournalisten anderes behauptet haben). Aber für einen Kroos bringt es nix wenn er bei Bayern in der 88. oder bei L’kusen im Pokalfinale in der 85. eingewechselt wird. Da sag ich mal mit meiner ganzen Polemik: Da hätten die dich oder mich auch hinstellen können
Das mit der Erwartung seh ich eigtl ähnlich wie du. Dennoch es ist ihr Beruf, und eben ein Besonderer. Die wirklich großen Talente spielen schon mit 17,18 auf einem Weltklasse-Niveau und müssen den täglichen Druck aushalten. So ist es im nunmal im Leistungssport und deshalb bekommen solche Ausnahmesportler auch einen (noch) größeren Schadensersatz (sprich:Gehalt) als andere.
19. Juni 2009 um 16:25
Kroos hat sicherlich das Problem, dass es in Leverkusen noch einige andere gute Mittelfeldspieler gibt, er muss sich also immer wieder in die Mannschaft reinarbeiten. Rolfes, Barnetta, Renato Augusto, Vidal, auch Schwegler – das sind 5 gute Spieler, dazu kommt Kroos. In dieser Konstellation mehr als ein Drittel der möglichen Spielminuten (!) zu absolvieren, halte ich für bemerkenswert. (Fairerweise muss man oben sagen, dass sich die Statistik oben auf die ganze Saison bezieht und ich nicht nach FC Bayern bzw. Bayer 04 Leverkusen aufgeschlüsselt habe.)
Ich hatte eine ähnliche Statistik interessehalber auch noch für Marko Marin ausgerechnet und dann doch nicht veröffentlicht. Marin hat mehr als doppelt so viele Spielminuten gemacht wie Kroos, aber beispielsweise nur ungefähr 30% mehr als Sven Bender.
Dass die späten Einwechselungen für die Entwicklung eines Spieles unbedeutend sind, will ich gar nicht bestreiten.
Wo du schon die «wirklich großen Talente» ansprichst: Wie viele davon gibt es? Spontan würde ich hier Krkic, Messi, Cristiano Ronaldo, Wayne Rooney und mit Abstrichen Fabregas und Agüero nennen, aber wer sonst?
In der Vergangenheit: Ronaldo? Ronaldinho? Eher nicht… Fernando Torres? Michael Ballack? Rio Ferdinand?
Die Messlatte, die du anlegst, ist enorm hoch. Ich glaube nicht, dass du mehr als einen Spieler in 30 Jahren deutscher Fußballgeschichte findest, auf den das zutrifft.
19. Juni 2009 um 17:00
Schöne Diskussion. Die Messlatte ist hoch, das stimmt. Dieses spezielle Niveau kann man aber auch nur erreichen wenn die frühe Förderung gegen starke Gegner vorhanden ist. Nahezu alle die du angesprochen hast, haben bereits in sehr jungen Jahren dieses Level erreicht. Dadurch dass sie regelmäßig eingesetzt wurden und Verantwortung übernehme mussten. Ein gutes Bsp. ist hier auch noch Walcott, der trotz schwankender Leistungen und starker interner Konkurrenz von Wenger unterstützt wurde.
Die Messlatte geht bei mir auch zu Spielern wie Völler, Klinsmann, Häßler – das waren Weltstars, ohne dabei Jahrhundertspieler zu sein (davon gibt es wirklich nur alle 15 Jahre einen – deshalb ist das kein Maßstab). Diese waren sehr früh schon Stammspieler und das hat ihre Entwicklung begünstigt. Ähnliches fordere ich für einen wie Kroos – ob er dann tatsächlich durchbricht wird sich zeigen.
19. Juni 2009 um 20:05
Frühe Förderung ist mit Sicherheit enorm wichtig, um das Talent dieser Spieler auszuschöpfen (Spötter würden sagen: «auszubeuten»). Krkic, Messi und Fabregas haben davon profitiert, dass sie in «La Cantera» (Barcelonas Jugendakademie «Der Steinbruch») perfekt auf Barcelonas Spielweise vorbereitet wurden.
Aber ich denke nicht, dass es dabei wichtig ist, dass die jungen Profis wichtig in den Seniorenbereich kommen und dort regelmäßig spielen. Vielmehr erscheint es mir sinnvoll, sie von diesem «Haifischbecken» etwas fernzuhalten, um sie von größeren Verletzungen (Kreuzbandrisse etc.) etwas abzuschirmen.
Es ist zwar eine alte Phrase, dass der Fußball sich verändert hat, aber die Spielgeschwindigkeit und die Intensität sind in der Tat enorm gestiegen. Fußball ist athletischer geworden. Wenn man bedenkt, dass Sportler wie Usain Bolt (* August 1986) oder Michael Phelps (* Juni 1985) auf dem Höhepunkt ihrer Karriere sind, also im Alter von 23 oder 24 Jahren, und andere Athleten wie Asafa Powell (* November 1982) mit 27 den Zenit schon fast überschritten haben, dann sehe ich schlechte Karten, dass sich Spieler noch einmal in ähnlicher Weise entwickeln können, wie dies in der Vergangenheit der Fall war. Diese «Reifezeit», die Häßler, Klinsmann, Völler, aber z.B. auch Matthäus und Beckenbauer noch bekamen, wird es einfach nicht mehr geben.
19. Juni 2009 um 23:07
Ist das nicht ein Widerspruch?
Auf der einen Seite plädierst du für einen gemäßigten Aufbau der Talente, auf der anderen Seite sprichst du von der fehlenden Reifezeit der Gegenwart (was im Übrigen völlig richtig ist, Stichwort Schnelllebigkeit).
Wenn man genau dies betrachtet, wäre es doch von Vorteil die Sportler so früh wie möglich an die Weltklasse zu gewöhnen, dass sie mit 25 an der Spitze ihres Könnens sind !?
20. Juni 2009 um 06:15
Ich sehe das nicht als Widerspruch, sondern eher als Versuch, die Entwicklung dieser Spieler gezielt und unter geschützten Bedingungen zu fördern. Eine schwere Verletzung ist im Profi-Betrieb ja immer möglich und kann wertvolle Trainings- und Entwicklungszeit kosten.