Wer vor dem Spiel 100€ darauf gesetzt hätte, dass Miroslav Klose gegen Finnland drei Tore schießt, der wäre jetzt wohl Millionär. Und wer vor dem Spiel 100€ darauf gesetzt hätte, dass Deutschland einen ungefährdeten Sieg einfährt, der wäre jetzt sein Geld los.
Es war von Anfang an zu sehen, dass die DFB-Elf mit dem druckvollen Start der Finnen nicht gerechnet hatte – auch wenn Joachim Löw im Interview später Gegenteiliges behauptete. Finnland praktizierte das, was eigentlich als Löws Spiel-Philosophie gilt: Hinten sicher stehen und dann schnell nach vorne spielen. Und das funktionierte ganz passabel, brachte die unerfahrene deutsche Defensive immer wieder in Bedrängnis. Auf den ersten Blick mag man die deutsche Innenverteidigung, also Serdar Tasci und Heiko Westermann, als die Hauptschuldigen ausmachen – aber bei einem genaueren Blick stellt sich dieser Gedanke als falsch heraus. Natürlich ist es für die beiden Abwehrspieler, die insgesamt nicht einmal zehn Länderspiele absolviert haben (Tasci drei, Westermann sechs), nicht leicht, gegen die erfahrenen finnischen Legionäre zu verteidigen – aber die eigentlichen Fehler werden woanders gemacht, nämlich in der Außenverteidigung und im gesamten Mittelfeld.
Philipp Lahm und Clemens Fritz haben kein gutes Spiel gemacht. Sie waren defensiv sehr schlecht und kamen offensiv kaum zum Zug. Thomas Hitzlsperger habe ich lange Zeit nicht gesehen, lediglich bei Eckbällen und Freistößen war er präsent; aber im laufenden Spiel war der Stuttgarter, der zuletzt seine Pläne für einen dauerhaften Platz im deutschen Mittelfeld enthüllte, kaum zu sehen. Simon Rolfes trat vor allem offensiv in Erscheinung, defensiv war auch er nicht zu beobachten.
Die deutsche Abwehr hatte vor allem Probleme, wenn Finnland konterte. Rolfes und Hitzlsperger waren nicht auf ihrem Posten und nicht fähig, schnell umzuschalten und den Angriff zu unterbinden oder zumindest zu verlangsamen, was der deutschen Viererkette und vor allem den aufgerückten Außenverteidigern Zeit gegeben hätte, um die Lücken zu schließen. Aber ganz ehrlich: So wie Lahm und Fritz heute über den Platz gehechelt sind und ihre Zweikämpfe verloren haben, hätte das wohl auch nicht mehr viel genützt. Es bleibt festzuhalten, dass sowohl Deutschland als auch Finnland das Mittelfeld schnell überbrückten und den Ball zügig in die Spitze spielten.
Andreas Hinkel, der in der 82. Spielminute für Fritz eingewechselt wurde, präsentierte sich souveräner als sein Vorgänger, hatte allerdings nicht die Zeit, um in großen Aktionen zu glänzen. Aber: Seine Flanken kamen scharf und zumindest für mich ist Hinkel wieder eine durchaus reelle Option für die Nationalmannschaft. (Und vielleicht würden das alle so sehen, wenn man ihn etwa zur 70. Minute eingewechselt und er die Chance gehabt hätte, spielerisch noch etwas zu gestalten.)
Bastian Schweinsteiger und Piotr Trochowski sind offensiv eingestellte Flügelspieler, die schon fast hängende Spitzen spielen und sich nur selten effektiv an der Defensivarbeit beteiligen. Das machte es natürlich noch einmal schwerer, den Laden zusammenzuhalten. Schweinsteiger und Trochowski standen zu weit vorne, um Flanken aus dem Halbfeld zu verhindern, Lahm und Fritz erwischten einen grauenhaften Tag, reagieren zu langsam und stehen zu weit vom flankenden Gegenspieler entfernt. Die Innenverteidigung konnte nicht mehr viel machen, Robert Enke war bei allen drei Gegentoren chancenlos.
Während Deutschland auf die zweimalige finnische Führung in der ersten Halbzeit prompt reagierte, taten sich die DFB-Kicker in der zweiten Spielhälfte schwerer. In der 53. Minute erzielte der für Mikkael Forssell eingewechselte Daniel Sjölund das 3:2, erst dreißig Minuten später glich Klose aus. Man hatte das Gefühl, als ob die Deutschen nach Wiederanpfiff nicht damit gerechnet hatten, dass Finnland einfach weiterspielen und seine Chancen suchen würde. Erst als Finnland die Luft ausging, sich auf das Verteidigen beschränkte und kaum noch Entlastungsangriffe vor, erst dann gewann Deutschland Oberwasser, ließ den Ball um den finnischen Strafraum kreisen. Dennoch, drei Probleme blieben: Das erste waren die zu hohen Flanken, die von der großgewachsenen finnischen Innenverteidigung (sämtliche Baum-Witze verbieten sich hier; Petri Pasanen 1,87m, Sami Hyypiä 1,93m) problemlos kontrolliert wurden – und trotzdem haben es Schweinsteiger, Trochowski und Hitzlsperger immer wieder versucht… Das zweite Problem hörte auf den Namen Lukas. Im Gegensatz zum Liechtenstein-Spiel war heute Podolski nicht ansatzweise im Spiel. Kaum Bälle auf ihn, kaum Aktionen. Vielleicht wäre er auf einem der Mittelfeldflügel besser aufgehoben gewesen (obwohl: lieber doch nicht, da hätte er ja auch wieder nach hinten arbeiten müssen). Kein Druck im Spiel, keine zwingenden Aktionen, kaum Szenen gegen eine massive finnische Defensive. Schade. Und drittens: Die Deutschen hielten den Ball zu lange, kein Hauch von One-Touch-Fußball wehte durch das Stadion. Und das nutzte Finnland aus, indem der ballführende deutsche Spieler schnell und hart attackiert wurde. Schnellere Kombinationen hätten die Finnen ins Leere laufen lassen, doch diese Geschwindigkeit vermisste man heute im deutschen Spiel.
So, nach langen Meckereien kommen wir zum positiven Aspekt des Abends. Miroslav Klose. Ich sagte: Miroslav Klose. Ja, Miroslav Klose!
Der spielte heute abend famos. Nach der ersten verpassten Kopfball-Chance hatte ich in meinem Kopf ein weiteres erfolgloses Spiel, nach dem sich die deutsche Fußball-Presse fragt: Wann platzt der Knoten? Ob der heute zersprang, ob Klose heute wie einst Alexander der Große diesen Gordischen Knoten in seinem Kopf einfach zerschlug, das werden die kommenden Spiele zeigen. Heute sah das zumindest sehr gut aus. Vor allem das erste Tor: Eine halbhohe Flanke von Trochowski, Klose legt den Ball mit der Brust quer zur Laufrichtung des Verteidigers (Hyypiä) und schiebt ihn dann eiskalt am Tor vorbei – so, als ob es nie eine Krise gegeben hätte. Danach war sein Kampfesmut erwacht und deutlich zu sehen, er setzte sich ein und ihm gelang Vieles; etwa das 2:0, bei dem Klose seinem eigenen, von Torhüter Jussi Jääskeläinen parierten Kopfball nachsetzt und diesen trocken ins Tor bugsiert. Das 3:0 war in diesem Sinne zwangsläufig: Der Ball prallt hin und her, Deutsche schießen, Finnen werfen sich in die Schüsse. Der vierte Versuch (ich habe bei der Wiederholung mitgezählt) schließlich sitzt, Kloses drittes Tor an diesem Abend ist perfekt.
Aber: Ich sehe schon die Schlagzeile vor mir, wenn er in der nächsten Partie keinen Treffer erzielt. Eintagsfliege? Ich hoffe nicht…
Die Deutschen in der Einzelkritik
Robert Enke: Bei den Gegentoren ohne Chance. Ansonsten nicht viel gefordert, aber sehr sicher. Drei Tore sind aber für einen Torhüter keine schöne Sache, auch wenn er bei den ersten beiden Toren fast dran war.
Clemens Fritz: In grauenhafter Form. Verliert Zweikämpfe und Bälle. Ging spät raus, für meinen Geschmack hätte er auch in der Halbzeit oder zur sechzigsten Minute das Feld verlassen dürfen.
Serdar Tasci: Hatte mit seinem Innenverteidiger-Kollegen Westermann Probleme gegen die routinierten finnischen Angreifer. Da er kaum Unterstützung von den Außenverteidigern und aus dem Mittelfeld erhielt, verschärften sich diese Probleme. Die Gegentore waren zwangsläufig.
Heiko Westermann: Mit etwas höherer Fehlerquote als Tasci, aber auch er ein Opfer der Umstände. Alleine gegen drei bis vier konternde Finnen hat er eben keine Chance.
Philipp Lahm: Kein gutes Spiel des Münchners. Sah beim ersten Gegentor nicht gut aus, bewirkte auch ansonsten wenig. Ließ sich schon sehr früh im Spiel bei finnischen Angriffen ausspielen und überlaufen.
Thomas Hitzlsperger: Bei Standardsituationen da, ansonsten nicht. Muss sich vorwerfen lassen, nicht konsequent genug die finnischen Angriffe gestört zu haben.
Simon Rolfes: Versuchte immer wieder Pässe in die Spitze, die aber in der Regel an einem finnischen Abwehrbein hängen blieben. Defensiv blass.
Piotr Trochowski: Als Flankengeber gefordert und auch präsent. Sein Ball auf Klose beim 1:0 war große Klasse. Arbeitete aber – wie das gesamte Mittelfeld – zu wenig nach hinten.
Bastian Schweinsteiger: Heute die schlechte Kopie Trochowskis. Versuchte Flanken, aber ihm gelangen keine. Defensiv nicht vorhanden.
Miroslav Klose: Der beste Spieler der Deutschen. Fand den alten Willen wieder, biss und kämpfte, setzte nach, traute sich und wurde belohnt. Wenn er diese Form hält, werden alle Diskussionen um ihn innerhalb von wenigen Wochen in sich selbst zusammenbrechen.
Lukas Podolski: Nur pro forma auf dem Platz. Kaum Aktionen, kaum Druck, kaum Mut, kaum Schüsse.
Mario Gomez: Wurde eingewechselt. Gute Szene, als Pasanen seinen Ball von der Linie kratzte und so das Tor verhinderte. Hat aber noch die alte EM-Krankheit: Trifft den Ball nicht richtig, es kullert und hüpft.
Patrick Helmes: Ganz klar der zweitbeste deutsche Stürmer heute abend. Spielte nach seiner Einwechselung einen überzeugten Rechtsaußen, war oft anspielbar und sicher in der Ballbehandlung, zeigte Zug zum Tor. Ich hätte ihn gerne früher für Podolski gesehen.
Andreas Hinkel: Auch ihn hätte ich gerne früher gesehen. Konnte sich in acht Spielminuten kaum einbringen, seine Bälle kamen aber angenehm scharf. Sieht nach einem zweiten Frühling in der Nationalelf aus.
Übrigens wurde mehrfach live gebloggt. Das Spiel zum Nachlesen: