In einer lange offenen Partie wurde die deutsche U17-Auswahl durch einen starken Freistoß kurz vor dem Ende der Verlängerung Europameister. Die Niederländer waren bereits nach sieben Minuten in Führung gegangen, Thy und Trinks erzielten die Tore für die DFB-Elf.
Das 1:0 in der siebten Minute durch Luc Castaignos erzielte niederländische Führungstor wurde in der 34. Spielminute ausgeglichen: Nach einem Freistoß konnte der Keeper Patrick ter Mate den Ball noch abwehren, doch Lennart Thy, der sich aus dem allgemeinen Strafraumgetümmel herausgestohlen hatte, konnte das Leder mit einem wuchtigen Kopfball über die Linie bringen.
Vor 25.000 Zuschauern in Magdeburg dominierten die deutschen Junioren Holland in der zweiten Halbzeit. Dennoch mangelte es mehrfach an klar zu Ende gespielten Aktionen. Vor allem über die rechte Seite entstand viel Druck, doch besonders im zentralen Mittelfeld waren mehrfach leichte Ballverluste zu sehen. Mario Götze und vor allem Lennart Thy waren im Sturm sehr agil, konnten viele Bälle erobern und behaupten, sie zeigten jedoch Schwächen im Abschluss.
Holland blieb insgesamt zu ungefährlich, erst der eingewechselte Rangelo Janga kreierte Chancen für «Oranje».
Nach der regulären Spielzeit stand es 1:1.
Insgesamt fehlte der deutschen Elf auch in der Verlängerung eine wirkliche Struktur im Spiel. Ein gutes Passspiel im zentralen Mittelfeld existierte nicht, immer wieder musste der Umweg über die Abwehr oder die Flügel gewählt werden. Dass ein Deutscher sich alleine gegen zwei Holländer behaupten musste, war keine Seltenheit – diese strategischen Defizite wurden zwar von den Spielern selbstständig erkannt, jedoch muss dies früher geschehen, um die Situation sauber zu lösen. Umgekehrt blockierten sich vor allem nach Ecken oder Freistößen mehrfach deutsche Spieler gegenseitig. Mit mehr Routine und Eingespieltheit wird sich dies zwar vermindern, aber klare Regelungen, welcher Spieler Priorität im Ballbesitz hat, könnten auch früh schon Abhilfe schaffen.
Die vielen Spiele in kurzer Zeit waren beiden Teams in der Verlängerung anzumerken. Klare Chancen aus dem Spiel heraus entstanden selten und wurden in der Regel von einzelnen, entschlossenen Spielern eingeleitet. Vor allem Matthias Zimmermann und Florian Trinks taten sich hier hervor, sie gingen entschieden in die Zweikämpfe und gaben ihr letztes Hemd, um den Sieg für ihre Mannschaft zu erreichen. Ein Freistoß von Trinks, der scharf getreten und vom Innenpfosten ins Tor prallte, brachte die deutsche U17 dann tatsächlich kurz vor dem Ende der zweiten Halbzeit der Verlängerung in Führung.
Danach wurde das Spiel aggressiver, Zimmermann und Trinks mussten sich gegen rüde Attacken der Niederländer wehren, hielten sich dabei aber auch selbst nicht zurück (vor allem Trinks hatte noch in der regulären Spielzeit heftig den holländischen Torwart attackiert). Mats van Hujivgevoort, der bereits zu Beginn der zweiten Halbzeit die Gelbe Karte gesehen hatte, wurde nach einer klaren Tätlichkeit an Trinks, dem er auf den Brustkorb trat, überraschenderweise kurz vor Schluss nicht des Feldes verwiesen.
Angesichts der harmlosen Holländer konnte die deutsche U17 das Spiel verdient gewinnen. Lennart Thy, der im Abschluss Defizite zeigte, und Florian Trinks, der manchmal überhart agierte, taten sich dabei auf deutscher Seite besonders hervor.
Liechtenstein und Wales sind die nächsten Gegner für die deutsche Nationalmannschaft auf dem Weg zur WM 2010.
Zunächst spielt man am heutigen Samstag in Leipzig gegen Liechtenstein, am Mittwoch erwartet die walisische Auswahl den Vize-Europameister in Cardiff. Ohne Neulinge, aber dafür mit einigen angeschlagenen Spielern geht Bundestrainer Joachim Löw den beiden Partien entgegen.
Vor allem Miroslav Klose, der wegen eines Sehnenrisses verletzt ausfällt, fehlt der deutschen Elf. René Adler ist zwar zum Treffen der Nationalspieler gereist, wird aber aller Voraussicht nach nicht spielen können. Auch Arne Friedrich und Torsten Frings stehen nicht zur Verfügung.
Die Frage nach dem Sieger des Spiels stellt sich aller Wahrscheinlichkeit nach nicht, Deutschland ist der haushohe Favorit. Zwar wird Liechtenstein mit läuferischem und kämpferischem Aufwand versuchen, möglichst lange ein Unentschieden zu halten und vielleicht den ein oder anderen Konter zu setzen, aber das qualitativ bessere Spiel werden sicherlich die Deutschen betreiben.
Spätestens ab der 70. Minute wird die DFB-Auswahl die Liechtensteiner nach Belieben dominieren, denn maximal bis dahin reicht die Kondition beim Gegner.
Ich gehe von folgender Aufstellung aus:
Tor: Robert Enke. Adler fällt aus und Tim Wiese ist ohnehin nur Ersatz.
Abwehr: Philipp Lahm, Per Mertesacker, Serdar Tasci, Andreas Hinkel. Heiko Westermann ist ein weiterer Kandidat für die erste Elf. Andreas Beck und Marcel Schäfer werden eventuell eingewechselt, wenn ein ungefährdeter Sieg bevorsteht.
Mittelfeld: Marcell Jansen, Michael Ballack, Simon Rolfes, Bastian Schweinsteiger. Ich vermute, der in Hamburg langsam aufblühende Jansen wird seine Chance erhalten (Randbemerkung: erst beim HSV wurde bei ihm eine Laktose- und Getreideallergie festgestellt, die ihn während seiner Zeit beim FC Bayern natürlich extrem schwächte – Klinsmanns Trainerstab war also entweder ungenau oder verließ sich auf alte Hitzfeld-Daten). Thomas Hitzlsperger wird eingewechselt werden, um Ballack oder Rolfes zu schonen. Piotr Trochowski und Marko Marin bekommen vielleicht eine Chance als Einwechselspieler.
Sturm: Mario Gomez, Lukas Podolski. Die Entscheidung für Gomez sehe ich als relativ eindeutig, er ist der beste Stürmer des Kaders, er agiert sowohl als Strafraumspieler als auch aus dem Mittelfeld kommend ausgezeichnet. In der Nationalmannschaft konnte er seine Qualität noch nicht wirklich beweisen, aber Löw wird an ihm festhalten und ihm hier und heute eine weitere Möglichkeit geben. Warum Podolski und nicht Helmes oder Kießling? Podolski kommt aus dem Spiel und geht mit Zug in den Strafraum. Einen solchen Spieler braucht es gegen eine liechtensteinische Abwehr, die versuchen wird, alle Deutschen möglichst konsequent in die Manndeckung zu nehmen. Podolskis Antritte werden Räume und damit Chancen schaffen. Möglicherweise wird Patrick Helmes eingewechselt, Stefan Kießling wird wahrscheinlich pausieren – er musste unter der Woche eine Trainingseinheit abbrechen, ich rechne bei ihm mit einem Einsatz gegen Wales.
Deutschland spielt relativ gut, die Pfiffe zur Halbzeit sind unberechtigt. Aber: Noch hat die DFB-Auswahl kein Mittel gefunden, um die norwegische Defensive effektiv zu knacken.
Das Mittelfeld spielt sehr strukturiert nach vorne, öffnende Pässe und das so viel zitierte vertikale Spiel sind gut zu sehen. Aber gegen zwei norwegische Fünferketten kommt man naturgemäß kaum zu Chancen. Es gibt zwei Problemfelder im Offensivspiel:
Bei vielen Pässen fehlt die Präzision, viele gute deutsche Angriffe werden abgefangen. Allerdings ist hier auch positiv das Tempo des deutschen Mittelfeldes anzumerken, das in einer ziemlich guten Geschwindigkeit Bälle weiterverarbeitet.
Es kommen zu wenig Flanken auf Gomez und Klose. Beide spielen angesichts dieser Verhältnisse gut, haben keine Großchancen ausgelassen. Gomez hat nach einer harmlos scheinenden Situation zu Beginn der Partie auch einen sehr gefährlichen Schuss abgefeuert.
Das deutsche Defensivspiel fällt dagegen zurück. Ich sehe den Fehler vor allem im defensiven Mittelfeld, Torsten Frings antizipiert nur wenige Bälle, geht außerdem zu oft in den Angriff und weiß sich meistens nur durch ein Foul zu helfen. Thomas Hitzlsperger oder Simon Rolfes sollten in meinen Augen zur Halbzeit eingewechselt werden.
Mit den schnellen norwegischen Kontern tut sich die deutsche Deckung schwer, die Angriffe werden wie gesagt nicht früh genug unterbunden.
Andreas Hinkel, der zur Halbzeit das Feld für Andreas Beck räumen wird, hat gut gespielt, er war nach hinten souverän und war auch ins Offensivspiel eingebunden. Auch Michael Ballack präsentierte sich gut, auch wenn er in seinen Pässen öfters die Präzision vermissen ließ.
Wie bereits angesprochen war Torsten Frings eine der Schwächen des deutschen Spiels, auch Bastian Schweinsteiger hätte zielstrebiger in seinen Aktionen sein können.
Die Pfiffe des Publikums zur Halbzeit halte ich aber für übertrieben, vor allem das gut strukturierte deutsche Angriffsspiel wusste zu gefallen. Die DFB-Elf zeigte Übersicht, die Norweger verteidigten jedoch mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln und verlegten sich aufs Kontern.
Nach dem Spiel
In der zweiten Halbzeit sah man die Fehler der ersten 45 Minuten in ausgeprägterer Form: Schlechtes Defensivverhalten, gute Angriffe, die aber zu selten abgeschlossen werden.
Insofern ist auch das Ergebnis, ein 0:1 für Norwegen, vollkommen in Ordnung. Die Skandinavier verfolgten ein klares Konzept und setzten dies auch um: Hinten solide stehen, vorne schnell kontern.
Bei Deutschland hatte man auch ein Konzept zu bieten – Stichwort vertikales Spiel -, setzte dies aber nicht konsequent um. Es mangelte an Zielstrebigkeit und Präzision, nach dem Rückstand gab man sich selbst auf.
Der Einschätzung, dass das deutsche Spiel schlecht war, folge ich nicht. Es mangelte an einigen entscheidenden Punkten, aber die wichtigen Ansätze waren relativ lange klar erkennbar.
Heute nur schnell drei vier Querverweise auf Artikel, die nicht von mir kommen.
Trainer Baade zeigt Videos von Oliver Kalkofe und Karl-Heinz Rummenigge, dazu Kritik an dessen «Engagement» für den Kampf gegen Drogen. DirektKalkofe
Das International Football Association Board der FIFA, also die Regelkommission, diskutiert derzeit über weitere Schiedsrichter neben dem Feld (sollen bei Tor-Entscheidungen beraten sowie auf Zeitspiel des Torwarts und Trikot-Ziehen im Strafraum hinweisen), eine Verlängerung der Halbzeitpause und zusätzliche Auswechselungen im Fall einer Verlängerung.
Meine Meinung: Zusätzliche Schiedsrichter und verlängerte Halbzeitpause sind unnötig, das erhöhte Wechselkontingent für die Verlängerung halte ich für eine sinnvolle Überlegung. Oft kann man die Zeit zwischen der 90. und der 12o. Spielminute fast nicht mehr als «Spielzeit» beschreiben, weil Spieler verletzt oder von Krämpfen geplagt am Boden liegen. Weiterhin erhöht die Regelung die Variabilität der Taktik in der Verlängerung: Stürmer einwechseln und Elfmeterschießen vermeiden? Kurz vor dem Elfmeterschießen den Torwart auswechseln? Spannend!
Kurzes Quiz: Wie alt ist Kevin-Prince Boateng? Erst überlegen, dann weiterlesen. Überraschung, Boateng ist 21 Jahre alt. Ich hätte ihn irgendwie auf drei bis vier Jahre älter geschätzt und war dementsprechend überrascht, dass der Neu-Dortmunder ebenso wie sein Bruder Jerome Teil des EM-Kaders von Horst Hrubeschs Juniorenauswahl ist. Mehr Informationen zu Hrubeschs Kader und dem Testspiel seiner Auswahl gegen Irland gibt’s bei der ARD.
Ergänzung: Der Artikel von Stefan Hermanns für den Tagesspiegel (erschienen auf 11Freunde.de) ist mir erst nach der Veröffentlichung des Beitrags aufgefallen, er ist aber zu interessant, um ihn unter den Tisch fallen zu lassen. Hermanns beschäftigt sich mit der neuen Spielerdatenbank des DFB. Die Technisierung des «modernen Fußballs» ist in meinen Augen eines der spannendsten Themen zur Zeit, daher auch der Link auf diesen Artikel.
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