Die vergangene EM war bei den Trainern ein Clash of Cultures, ein Konkurrenzkampf der Ideologien. Eine Generation junger Trainer, sportwissenschaftlich ausgebildet und Experten in Sachen Trainingslehre und -auswertung, probte den Aufstand und trat an gegen die Nationaltrainer alter Prägung: Alles irgendwie aus dem Bauch oder der Erfahrung heraus, dafür aber mit einem unglaublichen Gespür.
Es stellt sich die Frage: Wer ist als Sieger hervorgegangen? Ich habe alle Nationaltrainer der EM in Gruppen eingeteilt und mir vorgenommen, einen näheren Blick auf beide Seiten zu werfen.
Vorneweg: Drei Trainer habe ich ausgespart. Roberto Donadoni (Italien), Jakob Kuhn (Schweiz) und Victor Piţurcă (Rumänien) konnte ich nicht eindeutig zuordnen. Bei Donadoni und Kuhn konnte ich mich nicht entscheiden, in welche Gruppe ich sie stecken sollte, bei Piţurcă wusste ich schlicht zu wenig.
Ansonsten stehen sich gegenüber:
Die Generation Laptop
- Joachim Löw (Deutschland). Der Inbegriff eines modernen Trainers. Als Spieler eher unbekannt, entwickelte er im Rahmen seiner Trainerausbildung Modelle zur idealen Anordnung einer Viererabwehrkette. Fitness und taktisches Zweikampfverhalten sind seine zentralen Forderungen, taktisches Verständnis für ihn absolute Pflicht.
- Marco van Basten (Niederlande). Der Reformator des niederländischen Fußballs. Wandte sich gegen die alten Lehrmeister, die Fußball als Offensivsport begriffen, und brachte der «Elftal» ein gesundes Defensivverhalten bei. Die Verbindung dieser beiden Welten, Offensive und Defensive, war für ihn das Ziel.
- Slaven Bilic (Kroatien). Bemühte sich um eine konsequente Verjüngung der kroatischen Nationalmannschaft. Das auf Luka Modric zugeschnittene System und seine Überlegungen zu Zweikampfüberlegenheit und deren Umsetzung befördern ihn eindeutig in diesen Kreis.
- Lars Lagerbäck (Schweden). Einer der ersten Vertreter der Videoanalyse. Der studierte Sportwissenschaftler ist ein Vertreter modernster Trainingslehre.
- Josef Hickersberger (Österreich). Wollte ein junges Team und orientierte sich an Deutschland bei der WM 2006. Scheinbar der neueste Schrei in der Gruppe der Laptop-Trainer: Fitness-Experten aus dem Team von Mark Verstegen. Auch Österreich hatte in diesem Bereich aufgerüstet
Die Generation Taktikfuchs
- Luis Aragonés (Spanien). Der älteste Trainer des Turniers stellte nach Symphathie auf, nominierte politisch missliebige Fußballer erst gar nicht für die EM und schien auch bei der jeweiligen Aufstellung nicht immer das Leistungsprinzip zu berücksichtigen (zum Beispiel bei Cesc Fabregas, der trotz guter Spiele kaum Einsatzminuten bekam).
- Otto Rehhagel (Griechenland). Sein Credo von einer sicheren Abwehr war sprichwörtlich. Griechenland igelte sich ein und spielte mit «König Ottos» altmodischer Defensiv-Taktik.
- Raymond Domenech (Frankreich). Bekannt dafür, bei der Aufstellung unter anderem auch die Sternzeichen der Spieler zu berücksichtigen.
- Karel Brückner (Tschechien). Die Standard-Taktik: Hohe Bälle auf Koller. Brückner ist nicht gerade für Revolutionen auf oder neben dem Platz bekannt.
- Luiz Felipe Scolari (Portugal). Der 59-jährige Brasilianer ist bemüht, effektive Spielsysteme zu finden und zu verfeinern. Portugals feiner Angriffsfußball in der Vorrunde ist ein Produkt dieser Anstrengungen.
- Fatih Terim (Türkei). Schwitzte an der Seitenlinie stapelweise Hemden durch. Die türkischen Siege in letzter Minute zeugen weniger von einer großen taktischen Leistung während des Spiels, sondern vom entscheidenden Glück auf den letzten Metern.
- Leo Beenhakker (Polen). Das Kollektiv steht bei dem niederländischen Trainer im Vordergrund und dementsprechend trat seine polnische Elf auf.
- Guus Hiddink (Russland). Die Stationen in seiner Trainerkarriere unterschieden sich stark, eine Grundkonstante blieb aber. Hiddink legt Wert darauf, den Gegner in Grund und Boden zu rennen und ihn durch Laufarbeit und Tempo aus dem Spiel zu nehmen.
Das Verfahren
Die in meinen Augen objektivste Möglichkeit des Vergleichs ist die Vergabe von Punkten für jedes Spiel. Die Spiele der KO-Runde habe ich auf das 3-Punkte-System umgerechnet, eine Entscheidung durch Elfmeterschießen (egal ob gewonnen oder verloren) zählt als Unentschieden.
Die Generation Laptop
- Deutschland: 12 Punkte (4 Siege, 2 Niederlagen)
- Niederlande: 9 Punkte (3 Siege, 1 Niederlage)
- Kroatien: 9 Punkte (3 Siege, 1 Niederlage)
- Schweden: 3 Punkte (1 Sieg, 2 Niederlagen)
- Österreich 1 Punkt (1 Unentschieden, 2 Niederlagen)
- Summe: 34 Punkte
- Durchschnitt (Punkte): 6,8
- Durchschnitt (Punkte pro Spiel): 1,7
Die Generation Taktikfuchs
- Spanien: 18 Punkte (6 Siege)
- Griechenland: 0 Punkte (3 Niederlagen)
- Frankreich: 1 Punkt (1 Unentschieden, 2 Niederlagen)
- Tschechien: 3 Punkte (1 Sieg, 2 Niederlagen)
- Portugal: 6 Punkte (2 Siege, 2 Niederlagen)
- Türkei: 9 Punkte (3 Siege, 2 Niederlagen)
- Polen: 1 Punkt (1 Unentschieden, 2 Niederlagen)
- Russland: 9 Punkte (3 Siege, 2 Niederlagen)
- Summe: 47 Punkte
- Durchschnitt (Punkte): 5,875
- Durchschnitt (Punkte pro Spiel): 1,46875
Die Auswertung
Quantitativ waren die Trainer der Generation Laptop bei dieser EM schwächer vertreten als die erfahrenen Taktikfüchse. Aber qualitativ konnte die neue Trainergeneration überzeugen. Im Schnitt haben Nationalmannschaften von Laptop-Trainern im Verlauf der EM einen Punkt mehr geholt, bei den Punkten pro absolviertem Spiel ergibt sich auch ein leichter Vorsprung von 0,25 Punkten für die Generation Laptop.
Dennoch: Wirklich stichhaltig sind diese Zahlen noch nicht, denn bei den Taktikfüchsen waren die Werte viel breiter gestreut als bei den Laptop-Anhängern. So müssen Otto Rehhagel, der sich ohne Punkt von dieser EM verabschiedete, und Luis Aragonés, der alle Spiele gewann, sich in die gleiche Kategorie einordnen lassen.
Repräsentative Ergebnisse wird es wohl erst geben, wenn sich über mehrere Europameisterschaften ein Verhältnis von 50:50 unter den Trainern eingestellt hat. Und: Vielleicht ist ja auch die mathematische Herangehensweise diskutabel; denn den schönsten Fußball der EM hat eine von einem Taktikfuchs betreute Mannschaft gespielt: Luis Aragonés’ Spanier.


