Am Sonntag verließ Diego Maradona heimlich Argentinien, um sich in ein italienisches Fitness-Hotel abzusetzen. Er müsse Pfunde loswerden, so der offizielle Kommentar. Drei Wochen vor dem entscheidenden Spiel um die Qualifikation zur WM 2010 hält nun Carlos Bilardo, ehemaliger argentinischer Nationaltrainer und zuletzt Maradonas Berater, das Ruder in der Hand.
Es klingt nach einer typischen Geschichte um Diego Armando Maradona, sie reiht sich nahtlos ein in die verschiedenen kleinen Erzählungen um sein Leben: Seine Verehrung für Che Guevara und Fidel Castro, seine «Hand Gottes», seine Drogensucht, seine verzweifelt wirkenden Entzugs-Versuche, seine Ich-Bezogenheit («El Diez»). Aber, so scheint es, Maradona hat erkannt, dass er zwar ein unglaublicher Spieler war, aber auf anderen Bereichen versagt. Einer dieser anderen Bereiche ist die Trainerbank.
Als Maradona im Oktober 2008 die «Albiceleste» übernahm, stach vor allem ein Name in seinem Trainerstab hervor: Carlos Bilardo, der als Trainer Argentinien 1986 zum Weltmeister und 1990 zum Vize-Weltmeister machte. Der 70-Jährige galt lange als Favorit für den Posten des Nationaltrainers, doch dann kam Maradona und reklamierte den Posten für sich. Bilardo trat ins zweite Glied zurück, jetzt hält er erneut die Fäden in der Hand.
Demontiert sich Maradona selbst oder hat der argentinische Fußballverband mit leichtem Druck dafür gesorgt, dass die ewige Nummer Zehn die Reißleine zieht? Angeblich wusste Verbandspräsident Julio Grondona nichts von der übereilten Abreise Maradonas, doch angesichts der Situation in Argentiniens WM-Qualifikationsgruppe dürfte er alles andere als unglücklich sein, den Trainer-Novizen Maradona vorerst nicht mehr ertragen zu müssen.
Zwei Spiele (zuhause gegen Peru, auswärts gegen Uruguay) stehen dort noch aus; mit der aktuellen Platzierung (Rang 5) würde ein Relegationsspiel gegen eine Mannschaft aus dem Fußballverband Nord- und Mittelamerikas über die WM-Teilnahme entscheiden. Eigentlich eine lösbare Aufgabe für die Elf um den amtierenden UEFA-Champions-League-Torschützenkönig Lionel Messi, doch möglicherweise könnte Argentinien schon vorher scheitern: Kolumbien, Venezuela und Uruguay könnten die Argentinier überholen und damit aus dem Rennen werfen. Eine Schmach für die stolze Fußballnation!
Carlos Bilardo soll nun die Kohlen aus dem Feuer holen. «Wenn es zwei Trainer gibt, verwirrt das die Spieler», sagte der ergebnisorientierte Taktik-Fanatiker gegenüber der argentinischen Presse. Es blieb offen, ob er damit ausdrücken wollte, dass er bereits in der Vergangenheit de facto der zweite Nationaltrainer neben Maradona gewesen sein soll, oder ob er es ablehnt, dass Maradona zurückkehrt und Argentinien erneut übernimmt.
Bilardo, den mit dem Entdecker Maradonas, César Luis Menotti, eine herzliche Abneigung verbindet, ist einer der knallharten argentinischen Trainer, die sich auch durch ungewöhnliche Aktionen den Respekt ihrer Spieler verschaffen wollen. «El Loco», wie der promovierte Mediziner auch genannt wird, also «der Verrückte» weckte teilweise nachts seine Spieler auf, um sie abzufragen, welchen Gegenspieler sie in der nächsten Partie zu decken hätten. Nicht zuletzt durch den Triumph bei der WM 1986 machte er sich in Argentinien selbst zur Legende. Seine Verpflichtung als Co-Trainer Diego Maradonas ging auf den argentinischen Fußballverband zurück, der neben dem Neuling einen etablierten Kopf haben wollte. Selbst Maradona bekannte in Interviews, dass Bilardo geholt worden sei, für den Fall, dass er selbst versage. Dieser Fall scheint nun eingetreten zu sein. Manche gehen davon aus, dass er nicht zurückkehrt.