Archiv für 'Jugendfußball'Kategorie

Matthias Sammer und die Entwicklung von jungen Spielern

19. Juni 2009

Das Gespräch von Matthias Sammer mit Michael Horeni in der FAZ schlägt mittlerweile hohe Wellen (vgl. dazu etwa die Presseschau bei Indirekter Freistoss). Sammer wird Machtstreben unterstellt, er will angeblich nach der WM 2010 Bundestrainer werden und Joachim Löw ablösen.
In diesem Zusammenhang finde ich besonders eine Passage interessant, wo es um die Kompetenzverteilung bei der Nachwuchsarbeit geht. Sammer sagte:

Ich bin als Sportdirektor in Abstimmung mit dem jeweiligen allein zuständig für die U15 bis U20, für die U 21 sind darüber hinaus neben Horst Hrubesch und mir auch Joachim Löw und Oliver Bierhoff mitverantwortlich. [...] Dass es gefährlich sein kann, die Verantwortung auf vielen Schultern zu verteilen, das erkenne ich bei jungen Spielern und bei den Klubs. Wenn ich die Entwicklung etwa von Toni Kroos oder den Bender-Zwillingen sehe, ist das einfach nicht gut. Wir haben da auch als Verband noch nicht die richtigen Mittel und Wege gefunden, um unsere jungen Topleute beim Eintritt in den Senioren-Bereich weiter zu fördern – und die Spieler sind dann eben oft die Leidtragenden. Wir müssen den gesamten Weg im Blick haben und dies auch DFB-intern aufarbeiten, damit die Klubs von unserer Arbeit profitieren und Jogi Löw in der A-Mannschaft optimal vorbereitete Spieler übernehmen kann.

Kurz: Sammer fordert mehr Kompetenzen für sich (im Interview erwähnt er in diesem Zusammenhang auch, dass er es gewohnt sei, Verantwortung zu übernehmen – er wirbt also für seine eigenen Fertigkeiten). Joachim Löw soll als Bundestrainer am Ende dieser «Verwertungskette» stehen, der nur noch mit dem «Endresultat», dem fertig ausgebildeten Spieler, zu tun haben soll.
Ich halte von diesem Vorschlag relativ wenig, auch wenn Sammers Ergebnisse in der Jugendarbeit des DFB beeindruckend sind (wenn ich die verschiedenen Interviews und Berichte korrekt deute, ist Sammer der erste Sportdirektor, der tatsächlich ein durchgängiges Konzept für die Jugendarbeit hat). Warum sollte der Bundestrainer nicht beispielsweise im Rahmen eines Turniers Kontakt zu der DFB-Jugendauswahl aufnehmen, also z.B. ins Mannschaftshotel kommen und einige Fehler ansprechen oder neue Möglichkeiten aufzeigen?

Worauf sich Sammers Kritik bei der Entwicklung der Spieler Kroos und Bender bezieht, ist für mich nicht ersichtlich; ich habe allerdings auch keinen Zugriff auf detailliertere Statistiken wie die physische Entwicklung, Zweikampfwerte, etc. Kroos und die Benders haben Spielpraxis erhalten, sie kommen in ihren Vereinen zum Einsatz – und diese Wettkampfpraxis ist ja eine der Bedingungen für eine positive Entwicklung der Spieler.
Die Saison 2008/09 im Detail (Quelle: Spielerprofile bei transfermarkt.de, Kroos, L. Bender, S. Bender):

  • Vorbemerkung: «Spiele über die volle Distanz» entspricht der Spielzeit in Minuten geteilt durch 90, die Nachspielzeit bleibt also unberücksichtigt. «x% einer Bundesliga-Saison» errechnen sich aus der Spielzeit in Minuten geteilt durch 3060 (34 x 90min, Nachspielzeit und eventuelle Relegation bleiben also unberücksichtigt).
  • Toni Kroos (* 4.1.1990): 17 Bundesliga-Partien, 4 Spiele im DFB-Pokal, 1 Kurzeinsatz in der Champions League; insgesamt 1077 Spielminuten in der jeweils höchsten Spielklasse; entspricht 11,967 Spiele über die volle Distanz; entspricht 35,196% einer Bundesliga-Saison
  • Lars Bender (* 27.4.1989): 15 Zweitliga-Partien, 2 DFB-Pokal-Spiele; insgesamt 1242 Spielminuten; entspricht 13,8 Spiele über die volle Distanz; entspricht 40,588% einer Bundesliga-Saison
  • Sven Bender (* 27.4.1989): 25 Zweitliga-Partien, 1 DFB-Pokal-Einsatz; insgesamt 1769 Spielminuten; entspricht 19,656 Spiele über die volle Distanz; entspricht 57,810% einer Bundesliga-Saison.
  • Fazit: Alle drei Spieler haben im vergangenen Jahr mindestens ein Drittel der Saison absolviert. Toni Kroos konnte für einige Zeit wegen einer Verletzung nicht spielen, wahrscheinlich wäre ohne diesen wochenlangen Ausfall auch seine Werte besser.
    Sven Bender stand mehr als die Hälfte einer Bundesliga-Saison auf dem Feld.
    Anhand dieser Werte lässt sich nicht feststellen, dass die Spieler im Verein nicht genug gefördert werden; im Gegenteil: es ist das Bemühen zu erkennen, sie nicht frühzeitig zu «verheizen» (was zum Beispiel wohl einer der Gründe für das frühe Karriereende von Sebastian Deisler gewesen sein dürfte).
    Eventuell können detailliertere Statistiken (zu Zweikampfwerten etc.) Sammers Thesen untermauern, die bloße Spielzeit vermag dies nicht.

Deutschland wird U17-Europameister

18. Mai 2009

In einer lange offenen Partie wurde die deutsche U17-Auswahl durch einen starken Freistoß kurz vor dem Ende der Verlängerung Europameister. Die Niederländer waren bereits nach sieben Minuten in Führung gegangen, Thy und Trinks erzielten die Tore für die DFB-Elf.

Das 1:0 in der siebten Minute durch Luc Castaignos erzielte niederländische Führungstor wurde in der 34. Spielminute ausgeglichen: Nach einem Freistoß konnte der Keeper Patrick ter Mate den Ball noch abwehren, doch Lennart Thy, der sich aus dem allgemeinen Strafraumgetümmel herausgestohlen hatte, konnte das Leder mit einem wuchtigen Kopfball über die Linie bringen.

Vor 25.000 Zuschauern in Magdeburg dominierten die deutschen Junioren Holland in der zweiten Halbzeit. Dennoch mangelte es mehrfach an klar zu Ende gespielten Aktionen. Vor allem über die rechte Seite entstand viel Druck, doch besonders im zentralen Mittelfeld waren mehrfach leichte Ballverluste zu sehen. Mario Götze und vor allem Lennart Thy waren im Sturm sehr agil, konnten viele Bälle erobern und behaupten, sie zeigten jedoch Schwächen im Abschluss.
Holland blieb insgesamt zu ungefährlich, erst der eingewechselte Rangelo Janga kreierte Chancen für «Oranje».
Nach der regulären Spielzeit stand es 1:1.

Insgesamt fehlte der deutschen Elf auch in der Verlängerung eine wirkliche Struktur im Spiel. Ein gutes Passspiel im zentralen Mittelfeld existierte nicht, immer wieder musste der Umweg über die Abwehr oder die Flügel gewählt werden. Dass ein Deutscher sich alleine gegen zwei Holländer behaupten musste, war keine Seltenheit – diese strategischen Defizite wurden zwar von den Spielern selbstständig erkannt, jedoch muss dies früher geschehen, um die Situation sauber zu lösen. Umgekehrt blockierten sich vor allem nach Ecken oder Freistößen mehrfach deutsche Spieler gegenseitig. Mit mehr Routine und Eingespieltheit wird sich dies zwar vermindern, aber klare Regelungen, welcher Spieler Priorität im Ballbesitz hat, könnten auch früh schon Abhilfe schaffen.
Die vielen Spiele in kurzer Zeit waren beiden Teams in der Verlängerung anzumerken. Klare Chancen aus dem Spiel heraus entstanden selten und wurden in der Regel von einzelnen, entschlossenen Spielern eingeleitet. Vor allem Matthias Zimmermann und Florian Trinks taten sich hier hervor, sie gingen entschieden in die Zweikämpfe und gaben ihr letztes Hemd, um den Sieg für ihre Mannschaft zu erreichen. Ein Freistoß von Trinks, der scharf getreten und vom Innenpfosten ins Tor prallte, brachte die deutsche U17  dann tatsächlich kurz vor dem Ende der zweiten Halbzeit der Verlängerung in Führung.
Danach wurde das Spiel aggressiver, Zimmermann und Trinks mussten sich gegen rüde Attacken der Niederländer wehren, hielten sich dabei aber auch selbst nicht zurück (vor allem Trinks hatte noch in der regulären Spielzeit heftig den holländischen Torwart attackiert). Mats van Hujivgevoort, der bereits zu Beginn der zweiten Halbzeit die Gelbe Karte gesehen hatte, wurde nach einer klaren Tätlichkeit an Trinks, dem er auf den Brustkorb trat, überraschenderweise kurz vor Schluss nicht des Feldes verwiesen.

Angesichts der harmlosen Holländer konnte die deutsche U17 das Spiel verdient gewinnen. Lennart Thy, der im Abschluss Defizite zeigte, und Florian Trinks, der manchmal überhart agierte, taten sich dabei auf deutscher Seite besonders hervor.

Mehr Material:

Spanische Trainingsmethoden

29. März 2009

Ronald Reng berichtet für die taz über den Fußball in Spanien und hat einige Trainingseinheiten des FC Barcelona beobachtet. Auffällig: Auf der iberischen Halbinsel wird enorm viel mit Ball trainiert, das Spiel ist individualisierter und weniger auf ein organisiertes Kollektiv zugeschnitten als in der Bundesliga.

Eine Übung, bei der mit acht Bällen auf ein einziges Tor gespielt wird? In Deutschland undenkbar.

Defensiv exzellent organisiert sind viele, aber es gewinnen die, die mit dem schnellen, präzisen Pass den kürzesten Moment taktischer Unordnung ausnutzen können. In Spanien nimmt dieses Passen auf engstem Raum bei hohem Tempo bei sehr vielen Erstligisten gut ein Drittel der Trainingszeit ein – jeden Tag. [...] Es wird nur wie immer einige Jahre dauern, bis Etliches von der Methodik der Nachwuchstrainer in die Bundesliga dringt.

Sven und Lars Bender schlagen Angebot von Real Madrid aus

13. März 2009

Geniale Strategen oder leidenschaftliche Sechzger? Sven und Lars Bender waren im Visier von Real Madrid. Nun dementierte ihr Berater Manfred Schulte gegenüber spox.com einen Wechsel der beiden U19-Nationalspieler ins Ausland.

Sie zählen zu den talentiertesten deutschen Mittelfeldspielern – und sie lassen Real Madrid ebenso abblitzen wie Manchester United und den FC Liverpool. Die Rede ist von Lars und Sven Bender, einem 19-jährigen Zwillingspaar in Diensten von 1860 München. Beide sind amtierende U19-Europameister, beide spielen im defensiven Mittelfeld, beide sind im Visier großer Klubs, beide lehnen die Angebote ab.

Sven und Lars Bender sind eine Art Lukas Podolski (damals bei Köln) im Doppelpack: Enorm talentiert, aber bei einem unterklassigen Verein unter Vertrag, immer gejagt von den Großen. Werder und Dortmund wollten Lars. Manchester United, der FC Liverpool und Real Madrid wollte gleich beide. Sie spielen weiterhin für die Löwen.

Wie lange noch? Ihre Verträge laufen 2011 aus und es ist nicht davon auszugehen, dass sie über diese Laufzeit hinaus bei dem zuletzt eher chaotischen «Löwen» spielen werden. Die Interessenten stehen Schlange, ein vorzeitiger Wechsel ist möglich. Gerüchte über Ausstiegsklauseln wurden dementiert, aber 1860 ist finanziell nicht auf Rosen gebettet und dürfte daran interessiert sein, lieber ein bisschen Geld mitzunehmen, als die Zwillinge kostenlos ziehen zu lassen.
Interessant ist die Wortwahl Manfred Schultes, des Spieleragenten. Er erklärte, dass die Benders nicht ins Ausland gehen wollten.
Eine kluge Entscheidung, denn die Gefahr eines Scheiterns ist groß. Die Negativbeispiele der jüngeren Vergangenheit heißen Robert Huth und Moritz Volz, auch Christopher Schorch scheint bei Real Madrid keine Lobby mehr zu haben. Auf der anderen Seite stehen Thomas Hitzlsperger und Andreas Hinkel, Stammspieler beim FC Celtic, der aber auch nur über Umwege wieder zu einem Stammplatz gefunden hat.
Es sieht so aus, als ob Schulte für seine beiden Schützlinge einen Masterplan entwickelt hat: Lange bei den Löwen spielen, Interesse wecken und den Marktwert steigern, dann – vielleicht mit 21 oder 22 – ein Wechsel in die Bundesliga, erneut Fuß fassen und im besten Fußballeralter ein Wechsel ins Ausland.
Bemerkenswert, wie Schulte vorzeitige Angebote abblockt, sich aber immer im Gespräch hält (er gibt ja zu, dass mit Madrid ebenso verhandelt wurde wie kürzlich mit Leverkusen), und wie die beiden Benders die Disziplin und Geduld aufbringen, nicht den Verlockungen nachzugeben.