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Die zehn besten Fußballblogs

20. Dezember 2008

medienlese.com sieht «Taktikbesprechung» auf Platz drei der zehn besten Fußballblogs. Grund genug für uns, hier selbst die zehn besten Fußballblogs zu sammeln.

Zunächst einmal: Ich halte die Einschätzung von Medienlese für nicht zutreffend. Ich möchte an dieser Stelle nicht über die Qualität von «Taktikbesprechung» philosophieren, denn ich kann sie schlicht nicht einschätzen. Aber Platz Drei halte ich für eindeutig zu hoch gegriffen. Es gibt so viele Blogs, die garantiert besser sind als dieser hier – das muss ich einfach anerkennen. Stefan Heinrich, der den Beitrag für Medienlese verfasst hat, greift an einem entscheidenden Punkt zu kurz: Auf Platz 1 sieht er die Blogs der einzelnen Bundesliga-Vereine. Ich finde, darunter gibt es so viele gute Seiten, dass ich es ablehne, diesen Sachverhalt auf ein schlichtes «alle» zu verkürzen – sie müssen einzeln genannt werden!

Gerade weil ich der Auswahl von Medienlese.com so kritisch gegenüberstehe halte ich es für sinnvoll, selbst eine eigene Auswahl zu treffen. Natürlich ist diese völlig subjektiv – aber ich denke, dass gerade diese Auswahl einen sehr guten Einblick in die Welt des Fußballs gewährt und dass diese Auswahl erstens informativer und zweitens unterhaltsamer als jeder Sportteil einer Zeitung ist.

  1. catenaccio. Jens Peters hat sich vor dieser Saison geschworen, mindestens bis zur Winterpause einen Blog über Bayer 04 Leverkusen zu betreiben – inzwischen hat er dieses Versprechen bis zur Sommerpause verlängert. «catenaccio» hat den Spitzenplatz wegen einer ganzen Reihe von Gründen verdient. Zum einen vermittelt der Blog unfassbar viele Fakten rund um die Elf von Bayer Leverkusen, aber auch darüber hinaus. Zum anderen ist Jens ein furchtbar guter Autor, dessen Texte einfach wunderbar geschrieben sind. Außerdem betreibt Jens einen ungeheuren Aufwand, angefangen bei regelmäßigem Liveblogging (oft vom ganzen Bundesliga-Wochenende) über interessante Interviews bis hin zu detaillierten Berichten über Spieler (wie die gerade begonnene Serie über die bisherigen Leistungen der Bayer-Profis).
    Kurz: catenaccio ist einfach unfassbar gut! Innerhalb kürzester Zeit ist es mein absolutes Lieblings-Fußball-Blog geworden.
  2. Königsblog. «3 Ecken 1 Elfer», den Königsblog-Vorgänger, habe ich nicht gelesen, weil ich die Seite irgendwie nicht mochte. Ganz anders jetzt: Torsten Wieland schreibt über den FC Schalke 04, er lebt mit dem Verein. Freude und Leid liegen eng beieinander, man merkt, wie Torsten hinter dem Verein steht und dennoch nicht alles gut findet, was in der Geschäftsstelle passiert. Ich gebe zu: Ich liebe Torstens Art, Artikel zu schreiben.
  3. Thor Waterschei. Einer der Klassiker unter den Fußballblogs. Bjørn schreibt zumeist kürzere Artikel, die sich sehr humorvoll mit verschiedenen Aspekten der Welt des Fußballs auseinandersetzen. Alleine schon der Blick auf die Namen der verschiedenen Kategorien zeigt, wohin die Reise geht: Wortgewandt durch sämtliche Aspekte. Der «T(h)or der Woche» als regelmäßige Serie sowie die enge Verbindung zum FC Arsenal und deren wortreiche Beschwörung machen «Thor Waterschei» zu einer Pflichtlektüre.
  4. Trainer Baade. Ein weiterer Klassiker. Seit nunmehr drei Jahren greift «Trainer Baade» ironisch eine Vielzahl von Themen auf, die durch die Medien geistern, und schwankt dabei stets zwischen dem erdverbundenen Freizeitkicker und der liebenswerten Diva. Keine Frage, ohne «Trainer Baade» würde die Fußball-Blogwelt einen sehr scharfzüngigen Kommentator vermissen.
  5. Clubfans United. Für Stefan, Alexander und Michael ist der 1. FC Nürnberg ein wichtiger Teil ihres Lebens. In ausführlichen Beiträgen befassen sie sich mit der momentanen Situation beim FCN, leiden unter und jubeln über die Auftritte der Franken. Einer der definitiv besten Vereinsblogs dieses Landes.
  6. ArgiFutbol. Ein Geheimtipp. Normalerweise bekommt man vom Fußball in Lateinamerika nicht sonderlich viel mit. Man kennt Argentinien und Brasilien als Talentschmiede, aus der die europäischen Klubs immer wieder – einer Wundertüte gleichend – junge Spieler verpflichten, die manchmal genial sind und manchmal in der Versenkung verschwinden. ArgiFutbol berichtet aus nächster Nähe von der argentinischen Liga, den Spielern, den Vereinen, den Fans – und auch der Gewalt. Ein vollkommen anderer Kosmos als der strukturierte europäische Vereinsfußball tut sich auf. Der Blog schlägt eine Brücke über den Atlantik und bietet Informationen, die es so in keinem Sportteil und in keiner Fachzeitung zu lesen gibt.
  7. FrauB – The Home of Football. Ich habe mich dazu entschieden, diesen Blog in die Liste aufzunehmen, obwohl vor kurzem bekannt gegeben wurde, dass er seine Pforten schließt. FrauB beschäftigte sich mit dem englischen Fußball und bot sehr schöne Impressionen aus der Premier League. Ich empfehle das Stöbern in den Archiven, dort finden sich so viele ausgezeichnete Artikel (an dieser Stelle sei nur kurz der Beitrag zu Liam Harker genannt).
  8. Direkter Freistoß. Oliver Fritschs Presseschau «Indirekter Freistoß» gehört zur Pflichtlektüre für Fußballinteressierte – und das dazugehörige Blog «Direkter Freistoß» eigentlich auch. Oliver berichtet vornehmlich über die Bundesliga und den DFB, verfügt dabei aber über enormes Insiderwissen. So konnte er beispielsweise den DFB-Präsidenten Dr. Theo Zwanziger während der «Causa Weinreich» zu einem Interview bewegen. Eine gelungene Verbindung zwischen professionellem Journalismus und Blog.
  9. Du Gehst Niemals Allein. Auf «Nolookpass» und «Spielmacher» wurde ich während der EM 2008 aufmerksam, weil sie ein tagesaktuelles und ausgezeichnetes Blog betrieben (das inzwischen gelöscht wurde). Als die Beiden nach dem Turnier das gemeinsame Projekt unter anderem Namen fortführten, blieb ich dabei und wurde nicht enttäuscht. Trotz inzwischen zurückgefahrener Beitrags-Frequenz ist «Du gehst niemals allein» eine ausgezeichnete Anlaufstelle.
  10. Any Given Weekend. Nick schreibt über Borussia Dortmund – so einfach ist das. Kluge Spielberichte gepaart mit Meinungen und Spielernachrichten ergeben eine runde Mischung, die schlichtweg funktioniert. Immer wieder gerne besucht…

An dieser Stelle auch noch eine Bitte um Empfehlung: Ich suche nach einem Blog über den englischen Fußball. FrauB hat ja inzwischen das Handtuch geworfen (siehe oben) und Medien – Sport – Politik ist zwar beim Live-Blogging stark, bietet aber insgesamt nicht so viele Hintergrundberichte (verständlich bei der Themenvielfalt) und setzt teilweise Fachwissen voraus. Wer kennt ein gutes Premier-League-Blog?

Doping im Fußball – Ein kleines Dossier

19. Dezember 2008

Ich lese gerade die Oktober/November-Ausgabe von nullacht (ja, ich weiß, das ist schon etwas länger her – aber wenn ich hier über den Stapel ungelesener Zeitschriften rede, dann bekomme ich schon von alleine schlechte Laune) und habe dort zufällig entdeckt, das der Themenschwerpunkt der Ausgabe ein Thema behandelt, das zuletzt in Fußball-Blogs zur Sprache kam: Doping.

Ziemlich interessant ist das ausführliche Interview mit Professor Hans Holdhaus, der u.a. für die Welt-Anti-Doping-Agentur und den österreichischen Nationalableger aktiv ist und seit 1984 alle österreichischen Olympioniken betreut. Holdhaus vertritt die These, dass Doping im Spitzensport nicht so fest verankert ist, wie zuweilen gemutmaßt wird.

Zum Thema Fußball: Es fällt auf, dass es bis auf einige Kokain- und Cannabisfälle kaum positive Dopingbefunde gibt. Woran liegt das nach Ihrer Ansicht?
Was wir jetzt über Fußball sagen werden, gilt nahezu für alle Mannschaftssportarten. Es ist generell zu beobachten, dass Doping immer schon bei Einzelsportlern einen viel höheren Stellenwert gehabt hat als bei Mannschaftssportlern. Das liegt vielleicht auch daran, dass eine Mannschaft gewohnt ist, im Kollektiv zu arbeiten. Wer sich ein bisschen mit einem Mannschaftsgefüge beschäftigt, und ich war selbst lange genug bei der Wiener Austria tätig, wird feststellen, dass es fast unmöglich für einen einzelnen Spieler ist, alleine heimlich etwas zu machen. Doping im Fußball wird also schon durch die Struktur einer Mannschaft erschwert. Das ändert sich jetzt zwar ein wenig, die Spieler zeigen mehr und mehr Eigenverantwortung – Stichwort individuelles Training -, dabei ist es klarerweise eher möglich, an falsche Berater zu geraten und Blödheiten zu machen. Trotzdem bin ich der Meinung, dass sich das die meisten gar nicht trauen würden, weil man sich sofort ins Out stellen würde.
Olympique Marseille oder Juventus Turin sollen in den 90er-Jahren die ganze Mannschaft – mit oder ohne Wissen der Spieler – gedopt haben. Da fällt dann dieser Aspekt der Mannschaftsstrukturen weg.
Ja, wenn die ganze Mannschaft wissentlich oder unwissentlich gedopt wird, ist es natürlich etwas anderes. Aber es ist auch eine Tatsache, dass es im Fußball genauso viele Kontrollen gibt wie in anderen Sportarten. Man würde da nach meiner Ansicht sehr schnell draufkommen.
Würde es denn bezogen auf die Leistungsfähigkeit Sinn machen, als Fußballer zu dopen?
Das ist beinahe eine philosophische Frage. Es gibt einerseits keine Sportart, wo man von vornherein sagen kann, Doping würde nichts bringen. Im Fußball würden zum Beispiel Substanzen, die meine Ausdauer verbessern oder die Ermüdung hinausschieben, durchaus Sinn machen. Andererseits hat jede Substanz, mit der gedopt wird, Nebenwirkungen. Eine dieser Nebenwirkungen ist zum Beispiel oft eine Veränderung des Reaktionsvermögens. Annäherungen des Balles oder Abläufe am Spielfeld werden schlechter eingeschätzt und plötzlich treten für den Spieler technische Probleme auf, die er vorher nicht gehabt hat.
Mir ist kein Dopingmittel bekannt, das man im Fußball einsetzen könnte und das nicht einen negativen Effekt in der beschriebenen Art und Weise hätte. Kurz gesagt, alles in allem bringt das beim Fußball nichts. Die erzielte Leistungssteigerung machen die Nebenwirkungen wieder kaputt.

Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt in einem anderen Bericht Dr. Günter Gmeiner, der an einem der 33 von der WADA anerkannten Doping-Kontroll-Labore arbeitet. Von ihm und seinen Mitarbeitern wurden alle Doping-Kontrollen rund um die EM 2008 durchgeführt. Fußball sei «nicht dopinganfällig», so Gmeiner,  «bloß im Regenarationsbereich, bei den älteren Spielern, könnte die Wahrscheinlichkeit höher sein.»

Karl-Heinrich Bette, Sportsoziologe an der TU Darmstadt, befasst sich mit der Entstehung von Doping aus sozialwissenschaftlicher Sicht, auch von ihm findet sich in der nullacht-Ausgabe ein lesenswerter Artikel:

Dabei hat ein defensives, nur noch der Nachteilsvermeidung dienendes Doping längst die Oberhand gewonnen. Selbst wenn kein Athlet von sich aus zum Doping greifen wollte, sehen sich viele dazu genötigt, weil niemand sich der Dopingabstinenz der Konkurrenten sicher sein kann. Doping wird so zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Die oftmals enormen, aber zumeist mit zeitlicher Verzögerung eintretenden gesundheitlichen Risiken werden entweder verdrängt oder zähneknirschend in Kauf genommen. Die Abweichung von Athleten ist dabei keine isolierte individuelle Entscheidung, sondern findet in einer dafür anfälligen Subkultur statt und wird durch ein weitgefächertes Umfeld getragen. Ein breites Spektrum an Rechtfertigungsformeln, auf die Dopingsünder und deren Unterstützer und Sympathisanten zurückgreifen können, dient der rhetorischen Abpufferung. [...] Wirtschaft, Politik, Publikum und Massenmedien hätten in diesem Zusammenhang vor allem einzusehen, dass sie – auch ohne es zu wollen – in einer subtilen Weise Teil des Dopingproblems sind. Gegenwärtung scheint die Einsicht in die eigene Verstricktheit noch nicht weit verbreitet zu sein. Ganz im Gegenteil: Sowohl Sponsoren als auch Massenmedien und Publikum wehren sich energisch dagegen, durch das Dopingthema in irgendeiner Weise mitkontaminiert zu werden. Man wäscht seine Hände in Unschuld, verweist auf die Verantwortung der Athleten und trägt so dazu bei, dass die Dopingproblematik auf Dauer gestellt wird.

Ein interessanter Beitrag mit dem Titel «Das unbefleckte Rund» kommt von Michael Robausch:

Sind unerwünschte Substanzen [im Fußball] so verbreitet wie im gebeutelten Radlager? Das wohl auch nicht. Immerhin wagt es Toni Graf-Baumann, Vorsitzender der FIFA-Anti-Doping-Kommission, von «relativer Sauberkeit» zu sprechen. Ein größeres Problem könne da schon die Verwendung von Schmerzmitteln darstellen, um die immer länger werdenden Saisonen trotz der der Überforderung geschuldeten Wehwehchen durchzustehen.
[...] Die Komplexität des Mannschaftsspiels und dessen mannigfachen Unwägbarkeiten lassen [Doping] nicht zu. Nicht einmal randvoll mit EPO hätten die Deutschen Spanien im Endspiel der Europameisterschaft schlagen können. Und obgleich die athletischen Anforderungen zweifellos gestiegen sind: Sie bleiben bei einer Laufleistung von maximal 15 Kilometern pro Match weiterhin überschaubar und für das Publikum nachvollziehbar – was etwa schon für eine einzige Bergetappe bei der Tour de France nicht mehr gilt.

Das Problem der Schmerzmittel-Anwendung ist hingegen tatsächlich nicht zu übersehen. Aus gesicherten Quellen weiß ich, dass im Profifußball im fortschreitenden Saisonverlauf regelmäßig zu ihnen gegriffen wird und auch verschreibungspflichtige Mittel zum Einsatz kommen. Ein normales Training wird gegen Ende der Saison nur noch unter dem Einfluss von Medikamenten bestritten.
Wie drastisch Profis fit gespritzt werden, illustriert Mehmet Scholl auf seiner DVD «Frei:Gespielt» am eigenen Beispiel. Trotz mehrer angerissener Sehnen und Bänder ließ er sich für ein Champions-League-Halbfinale (ich meine 1999 in Erinnerung zu haben) mit Medikamenten «betäuben» und lief in der Startelf ohne Beschwerden auf, obwohl er am Vorabend des Spiels schon auf dem Weg zum Trainer war, um diesen zu sagen, dass er nicht einsatzfähig sei.

Das Scouting der TSG Hoffenheim

2. November 2008

25 Punkte aus elf Spielen bedeuten die derzeitige Tabellenführung für die TSG Hoffenheim. Der als «FC SAP» geschmähte Verein scheint in der Bundesliga angekommen zu sein – und teilweise mehr als das.

Tempofußball, eine durchschlagskräftige Offensive, gewaltiger Zug zum gegnerischen Tor bei gleichzeitiger Spielintelligenz zeichnen das Spiel der Badener aus.

Allerdings hat Hoffenheim auch eine andere Seite: Wenn es Niederlagen gibt, dann hagelt es Gegentore. Zwei Spiele gingen verloren, gegen Werder Bremen und gegen Bayer Leverkusen, jedes Mal gab es fünf Gegentreffer.

Ralf Rangnick bekam in dem Vorort von Sinsheim Zeit und Geld, um seine fußballerischen Ideen zu verwirklichen. Dietmar Hopp, der zentrale Geldgeber des Vereins, ließ ihm freie Hand und finanzierte alles, was Rangnick wünschte. Bei einem solchen Umfeld ohne großen Druck scheint es leicht, erfolgreichen Fußball zu spielen.
Aber Hoffenheim ist keine zusammengekaufte Söldnertruppe, ist keine Auswahl der besten Spieler Europas. Wirklich große Namen findet man bei Hoffenheim nicht. Carlos Eduardo vielleicht, er spielte drei Mal für die brasilianische U20 und ist der teuerste Transfer der Zweitligageschichte. Francisco Copado spielte einst für den HSV, die SpVgg Unterhaching und Eintracht Frankfurt, in dieser Bundesligasaison stand er insgesamt 49 Minuten auf dem Rasen. Jochen Seitz war für den VfB Stuttgart aktiv, bei Hoffenheim hat er in dieser Saison keine einzige Minute gespielt. Andreas Ibertsberger stand im vorläufigen EM-Kader Österreichs – und wurde nicht für das Turnier nominiert. Andreas Beck machte beim VfB Stuttgart auf sich aufmerksam und tat sich auch in verschiedenen deutschen Juniorenauswahlen hervor.

Der wirklich große Name aber fehlt. Hoffenheim hat in der Sommerpause zehn Millionen Euro auf dem Transfermarkt ausgegeben, im Jahr zuvor waren es sogar 18 Millionen. Aber: Für die Rangnick-Truppe tritt im Mittelfeld kein ausgemusterter Alt-Star wie David Beckham gegen den Ball, sondern der 23-jährige Tobias Weis, der vor einem Jahr 150.000€ Ablöse kostete.
Es ist deutlich zu sehen, dass Rangnick eine Mannschaft formen will. Auf Geld muss er keine Rücksicht nehmen, er hat Hopp als Trumpf in der Hinterhand. Und Rangnick nimmt auf Geld keine Rücksicht – in doppelter Hinsicht: Seine Mannschaft besteht aus Spielern wie Weis, der 150.000€ kostet, und aus Spielern wie Carlos Eduardo, für den man die 46-fache Summe auf den Tisch legen musste.

Rangnick und seine Spielerbeobachter haben ein Anforderungsprofil im Kopf, an dem sie Spieler messen. Ob dieser Spieler vorher in der Bundesliga aktiv war oder wie Isaac Vorsah in der ghanaischen Liga ist zweitrangig. Priorität hat die individuelle Klasse.

Die TSG Hoffenheim leistet sich einen Luxus im modernen Fußball, der sich auszahlt: Konsequentes Scouting. Die Neuzugänge dieser Saison spielten vorher in Brasilien, Deutschland, Österreich, Ghana und der A-Jugend-Bundesliga. Das viel gerühmte Sturmtrio war noch vor einem Jahr quer durch Europa verstreut: Vedad Ibisevic spielte für Alemannia Aachen, Chinedu Obasi für Lyn Oslo und Demba Ba für Excelsior Mouscron.
In Hoffenheim erkannte man die Qualität – und man erkannte, dass die drei Spieler sich gegenseitig ergänzen würden.

Nach einer Eingewöhnungsphase haben die meisten Fußballfans erkannt, dass Hoffenheim den Fußball nicht zerstört, sondern kultiviert. Die TSG ist kein Spekulationsobjekt, Hopp ist persönlich mit dem Verein verbunden und möchte sehen, wie dieser schönen Fußball spielt, was wiederum eine Bereicherung für die Bundesliga ist. Inzwischen nickt man anerkennend, wenn der Name Hoffenheim fällt. Ja, die spielen schon gut. Aber wann, das wird dann immer schnell nachgeschoben, wann brechen die ein, wann hat der Lauf ein Ende?

Ich persönlich denke, dass das nicht so schnell passieren wird. Vor den letzten Bundesligaspielen wird die Luft vielleicht etwas raus sein. Aber einen UEFA-Cup-Platz halte ich bei dieser Spielweise für ein realistisches Ziel. Und es würde mich freuen, wenn die TSG nächstes Jahr nicht nur die Bundesliga, sondern auch englische, italienische und spanische Mannschaften aufmischt.

Laptop vs. Taktikfuchs

11. Juli 2008

Die vergangene EM war bei den Trainern ein Clash of Cultures, ein Konkurrenzkampf der Ideologien. Eine Generation junger Trainer, sportwissenschaftlich ausgebildet und Experten in Sachen Trainingslehre und -auswertung, probte den Aufstand und trat an gegen die Nationaltrainer alter Prägung: Alles irgendwie aus dem Bauch oder der Erfahrung heraus, dafür aber mit einem unglaublichen Gespür.
Es stellt sich die Frage: Wer ist als Sieger hervorgegangen? Ich habe alle Nationaltrainer der EM in Gruppen eingeteilt und mir vorgenommen, einen näheren Blick auf beide Seiten zu werfen.

Vorneweg: Drei Trainer habe ich ausgespart. Roberto Donadoni (Italien), Jakob Kuhn (Schweiz) und Victor Piţurcă (Rumänien) konnte ich nicht eindeutig zuordnen. Bei Donadoni und Kuhn konnte ich mich nicht entscheiden, in welche Gruppe ich sie stecken sollte, bei Piţurcă wusste ich schlicht zu wenig.

Ansonsten stehen sich gegenüber:
Die Generation Laptop

  • Joachim Löw (Deutschland). Der Inbegriff eines modernen Trainers. Als Spieler eher unbekannt, entwickelte er im Rahmen seiner Trainerausbildung Modelle zur idealen Anordnung einer Viererabwehrkette. Fitness und taktisches Zweikampfverhalten sind seine zentralen Forderungen, taktisches Verständnis für ihn absolute Pflicht.
  • Marco van Basten (Niederlande). Der Reformator des niederländischen Fußballs. Wandte sich gegen die alten Lehrmeister, die Fußball als Offensivsport begriffen, und brachte der «Elftal» ein gesundes Defensivverhalten bei. Die Verbindung dieser beiden Welten, Offensive und Defensive, war für ihn das Ziel.
  • Slaven Bilic (Kroatien). Bemühte sich um eine konsequente Verjüngung der kroatischen Nationalmannschaft. Das auf Luka Modric zugeschnittene System und seine Überlegungen zu Zweikampfüberlegenheit und deren Umsetzung befördern ihn eindeutig in diesen Kreis.
  • Lars Lagerbäck (Schweden). Einer der ersten Vertreter der Videoanalyse. Der studierte Sportwissenschaftler ist ein Vertreter modernster Trainingslehre.
  • Josef Hickersberger (Österreich). Wollte ein junges Team und orientierte sich an Deutschland bei der WM 2006. Scheinbar der neueste Schrei in der Gruppe der Laptop-Trainer: Fitness-Experten aus dem Team von Mark Verstegen. Auch Österreich hatte in diesem Bereich aufgerüstet

Die Generation Taktikfuchs

  • Luis Aragonés (Spanien). Der älteste Trainer des Turniers stellte nach Symphathie auf, nominierte politisch missliebige Fußballer erst gar nicht für die EM und schien auch bei der jeweiligen Aufstellung nicht immer das Leistungsprinzip zu berücksichtigen (zum Beispiel bei Cesc Fabregas, der trotz guter Spiele kaum Einsatzminuten bekam).
  • Otto Rehhagel (Griechenland). Sein Credo von einer sicheren Abwehr war sprichwörtlich. Griechenland igelte sich ein und spielte mit «König Ottos» altmodischer Defensiv-Taktik.
  • Raymond Domenech (Frankreich). Bekannt dafür, bei der Aufstellung unter anderem auch die Sternzeichen der Spieler zu berücksichtigen.
  • Karel Brückner (Tschechien). Die Standard-Taktik: Hohe Bälle auf Koller. Brückner ist nicht gerade für Revolutionen auf oder neben dem Platz bekannt.
  • Luiz Felipe Scolari (Portugal). Der 59-jährige Brasilianer ist bemüht, effektive Spielsysteme zu finden und zu verfeinern. Portugals feiner Angriffsfußball in der Vorrunde ist ein Produkt dieser Anstrengungen.
  • Fatih Terim (Türkei). Schwitzte an der Seitenlinie stapelweise Hemden durch. Die türkischen Siege in letzter Minute zeugen weniger von einer großen taktischen Leistung während des Spiels, sondern vom entscheidenden Glück auf den letzten Metern.
  • Leo Beenhakker (Polen). Das Kollektiv steht bei dem niederländischen Trainer im Vordergrund und dementsprechend trat seine polnische Elf auf.
  • Guus Hiddink (Russland). Die Stationen in seiner Trainerkarriere unterschieden sich stark, eine Grundkonstante blieb aber. Hiddink legt Wert darauf, den Gegner in Grund und Boden zu rennen und ihn durch Laufarbeit und Tempo aus dem Spiel zu nehmen.

Das Verfahren
Die in meinen Augen objektivste Möglichkeit des Vergleichs ist die Vergabe von Punkten für jedes Spiel. Die Spiele der KO-Runde habe ich auf das 3-Punkte-System umgerechnet, eine Entscheidung durch Elfmeterschießen (egal ob gewonnen oder verloren) zählt als Unentschieden.
Die Generation Laptop

  • Deutschland: 12 Punkte (4 Siege, 2 Niederlagen)
  • Niederlande: 9 Punkte (3 Siege, 1 Niederlage)
  • Kroatien: 9 Punkte (3 Siege, 1 Niederlage)
  • Schweden: 3 Punkte (1 Sieg, 2 Niederlagen)
  • Österreich 1 Punkt (1 Unentschieden, 2 Niederlagen)
  • Summe: 34 Punkte
  • Durchschnitt (Punkte): 6,8
  • Durchschnitt (Punkte pro Spiel): 1,7

Die Generation Taktikfuchs

  • Spanien: 18 Punkte (6 Siege)
  • Griechenland: 0 Punkte (3 Niederlagen)
  • Frankreich: 1 Punkt (1 Unentschieden, 2 Niederlagen)
  • Tschechien: 3 Punkte (1 Sieg, 2 Niederlagen)
  • Portugal: 6 Punkte (2 Siege, 2 Niederlagen)
  • Türkei: 9 Punkte (3 Siege, 2 Niederlagen)
  • Polen: 1 Punkt (1 Unentschieden, 2 Niederlagen)
  • Russland: 9 Punkte (3 Siege, 2 Niederlagen)
  • Summe: 47 Punkte
  • Durchschnitt (Punkte): 5,875
  • Durchschnitt (Punkte pro Spiel): 1,46875

Die Auswertung
Quantitativ waren die Trainer der Generation Laptop bei dieser EM schwächer vertreten als die erfahrenen Taktikfüchse. Aber qualitativ konnte die neue Trainergeneration überzeugen. Im Schnitt haben Nationalmannschaften von Laptop-Trainern im Verlauf der EM einen Punkt mehr geholt, bei den Punkten pro absolviertem Spiel ergibt sich auch ein leichter Vorsprung von 0,25 Punkten für die Generation Laptop.
Dennoch: Wirklich stichhaltig sind diese Zahlen noch nicht, denn bei den Taktikfüchsen waren die Werte viel breiter gestreut als bei den Laptop-Anhängern. So müssen Otto Rehhagel, der sich ohne Punkt von dieser EM verabschiedete, und Luis Aragonés, der alle Spiele gewann, sich in die gleiche Kategorie einordnen lassen.
Repräsentative Ergebnisse wird es wohl erst geben, wenn sich über mehrere Europameisterschaften ein Verhältnis von 50:50 unter den Trainern eingestellt hat. Und: Vielleicht ist ja auch die mathematische Herangehensweise diskutabel; denn den schönsten Fußball der EM hat eine von einem Taktikfuchs betreute Mannschaft gespielt: Luis Aragonés’ Spanier.