Eine exzellente erste Halbzeit reicht der deutschen Nationalmannschaft zum wichtigen Sieg in der Qualifikation zur WM 2010 in Südafrika. Gegen Ende verhinderten eine Abwehrschlacht und Glück bei einem Pfostenschuss der Russen die Punkteteilung.
Die größte Überraschung im Vorfeld der Partie war sicherlich, dass Torsten Frings nicht in der deutschen Startelf zu finden war. Thomas Hitzlsperger erhielt das Vertrauen von Bundestrainer Joachim Löw und lief mit dem von einer Verletzung genesenen Michael Ballack und Torwart-Debütant René Adler auf.
Von Anfang an spielte Deutschland guten Fußball. Zielgerichtetes Angriffsspiel, offensiv ausgerichtete Flügelspieler und konzentrierte Attacken brachten Guus Hiddinks Russen schon früh in Bedrängnis. Nach fünf Spielminuten hatte Deutschland die Lauf- und Passwege abgestimmt (in diesen ersten Minuten hatte die «Sbornaja» in Person von Pavel Pogrebnyak auch eine erste gute Möglichkeit), von da an rollte Angriff auf Angriff auf das russische Tor.
Nach neun Minuten ging Deutschland in Führung. Ein Linksschuss von Podolski landete im Tor von Igor Akinfeev. Das von Löw so geliebte und geforderte «vertikale Spiel» praktizierten die Deutschen perfekt, immer wieder gab es Steilpässe aus dem Mittelfeld in die Angriffsspitze – auch Innenverteidiger Heiko Westermann tat sich hier hervor. Bemerkenswert auch Arne Friedrich, der sonst seine Position auf der rechten Abwehrsseite verhältnismäßig defensiv interpretiert. In seinem Offensivdrang stand er Philipp Lahm heute in nichts nach, kam immer wieder bis an den gegnerischen Strafraum und sorgte für Druck auf die russische Abwehr.
Löws Elf kombinierte routiniert, hatte das Spiel im Griff und diktierte das Tempo nach Belieben. Die Spielübersicht war das Pfund, mit dem die Deutschen wucherten und letztendlich auch nach 28 Spielminuten die Führung ausbauen konnten. Schweinsteiger war in den gegnerischen Strafraum vorgedrungen und hatte das Auge für den Nebenmann – Michael Ballack verwertete aus kürzester Distanz den auf den zweiten Pfosten gespielten Ball, auch Miroslav Klose hätte zur Stelle sein können.
Klose und Podolski im deutschen Angriff harmonierten überaus gut. Während Podolski immer wieder das direkte Duell suchte und mit Tempo und Biss seinen Gegenspielern zu entwischen versuchte, arbeitete Klose mannschaftsdienlich, nahm Bälle an und verteilte diese.
Russlands Vorteil bestand einzig und allein in der Schnelligkeit. Die Defensive hatte eine bestenfalls mittelmäßige Raumaufteilung, die nur durch enormen läuferischen Einsatz zu kompensieren war. Strukturierte Spielzüge hatten Seltenheitswert. Das nominelle 4-3-3 wurde immer wieder zu einem 4-3-1-2 umgebaut, das auch bei eigenem Ballbesitz bestehen blieb.
Bis zur Pause gehörte die Partie klar der deutschen Mannschaft. Mit einer gelungenen Mischung aus Dynamik, Übersicht und Zweikampfstärke hatte sie dem Gegner ihr Spiel aufgezwungen und dieses mit zwei Toren auch erfolgreich gestaltet.
Nach dem Wiederanpfiff konnten die Deutschen den zuvor hinterlassenen guten Eindruck jedoch nicht bestätigen. Verlorene Zweikämpfe brachten die Russen ins Spiel, die nun erstmals Zug zum Tor entwickeln konnten. In der 51. Minute war René Adler dann geschlagen: Aleksandr Anyukov wagte eine Attacke, sein Schuß rutschte dem deutschen Torhüter durch die Beine, Andrey Arshavin stocherte den Ball ins Netz. Von da an kippte das Spiel, die russischen Angriffe wurden Legion, die deutsche Defensive zeigte ihre Schwächen. Beständig erhöhte Russland das Tempo, drängte auf den Ausgleich. Die Deutschen hatten sich in den ersten 45 Minuten offensichtlich verausgabt, jetzt galt es das Ergebnis zu halten und über die Zeit zu bringen – was auch gelang, nachdem wenige Minuten vor Abpfiff der Pfosten geholfen hatte, um die deutsche Führung zu wahren.
Ein Unentschieden wäre wohl insgesamt das gerechtere Resultat gewesen, doch unter dem Strich bleibt eben auch eine exzellente erste Spielhälfte der Deutschen.
Die Deutschen in der Einzelkritik
René Adler meldete in seinem Länderspieldebüt Ansprüche auf den Stammplatz im Tor an. Das Gegentor hätte er um ein Haar verhindert, in der hitzigen Schlussphase war er ein Fels in der Brandung. Der 23-Jährige strahlte Ruhe und Sicherheit aus – und hielt fast alle Bälle fest.
Arne Friedrich spielte auf der rechten Abwehrseite offensiver als gewohnt. Eine gute Partie des Berliner Kapitäns.
Per Mertesacker war vor allem in der zweiten Halbzeit gefordert und traf im entscheidenden Moment oft die richtige Entscheidung. Ein gutes Spiel.
Heiko Westermann entwickelte in der ersten Hälfte durch zahlreiche Steilpässe viel Druck. Der Schalker spielt sehr souverän und ruhig.
Philipp Lahm suchte sehr oft den Abschluss. Seine Vorstöße rissen aber auch Löcher in der eigenen Abwehr auf, dem Gegentor ging ein Fehler von ihm voraus, über seine Flanke entwickelten die Russen die größte Gefahr. War nicht schwach, aber auch nicht besonders gut.
Bastian Schweinsteiger lieferte eine überzeugende Partie ab. Setzte nach dem Anschlusstreffer ein Zeichen, indem er in den Zweikämpfen nicht aufgab. Sorgte bis zum Ende auch immer wieder für Entlastungsangriffe. Eine sehr überzeugende Vorstellung.
Michael Ballack biss sich in die Zweikämpfe. Der Kapitän brachte Leistung – und genau darum geht es.
Thomas Hitzlsperger spielte eine unauffällige Absicherung für Ballack. Kaum zu sehen, aber immer auf der Höhe, wenn er gefordert wurde.
Piotr Trochowski suchte wie Philipp Lahm sehr oft den Abschluss. Bei der Defensivarbeit mangelte es an der Abstimmung mit seinem Hintermann Lahm.
Miroslav Klose spielte mannschaftsdienlich. Große Torgefahr versprühte er nicht, er verteilte die Bälle lieber auf seine Nebenmänner. Aber keine schlechte Partie.
Lukas Podolski erzielte mit Biss die Führung. Die Lust am Spiel war dem Bayern-Edel-Reservisten deutlich anzumerken. Gut!
Mario Gomez wurde nach 71 Minuten für Miroslav Klose eingewechselt. Bei Kontern zur Stelle, aber bei seinen Versuchen schmissen sich die russischen Verteidiger oft in die Flugbahn des Balles.
Torsten Frings kam nach 83 Minuten für Trochowski und sollte die Defensive stabilisieren. Klappte auch
Simon Rolfes wurde wenige Sekunden vor Abpfiff eingewechselt, um Zeit zu schinden.
Ein Überblick über die russischen Spieler vom kicker.