Vize-Europameister, das hört sich eigentlich ganz ordentlich an. Ein Rückblick auf das Turnier. Alle Spiele, alle Spieler.
Die Spiele
Eine der besseren Einschätzungen habe ich bei 11Freunde gefunden:
Ordentlich gegen Polen, desaströs gegen Kroatien, Dienst nach Vorschrift gegen Österreich, irreal gut gegen Portugal, gespenstisch gegen die Türkei, mittellos gegen Spanien. Seien wir ehrlich: Das reicht nicht für den Titel.
Kai Pahl gelingt bei allesaussersport eine etwas tiefergehende Analyse:
Für Deutschland rundet der zweite Platz nach der EM die Stagnation der Post-Klinsmann-Ära ab. Einige Komparsen wurden durchgewechselt und die zweite Garnitur scheint besser und tiefer zu sein, als sie in der Ribbeck- oder Völler-Ära war. Das Grundgerüst ist aber grosso modo das gleiche geblieben. Dieses Grundgerüst spielte eine EM eher unter den Erwartungen und das konnten die anderen Spieler nicht rausreißen. [...] Manchmal ist da Brillianz zu sehen. Manchmal werden Spiele verschenkt, weil man nicht reinkommt. Aber immer wieder gibt es das gleiche Problem: die Mannschaft hat nicht die Werkzeuge und die Spielintelligenz die im Spiel sich stellenden Probleme zu lösen.
Gegen Polen (2:0) ging es angemessen los. Podolski zeigte sich in sehr guter Form. Allerdings war auch schon das große Problem der EM offensichtlich: Eine nicht funktionierende Innenverteidigung. Den Unterschied machte Podolski, allein Podolski. (Spielanalyse bei kicker.de)
Gegen Kroatien (1:2) war es eine Tortur. Die deutsche Mannschaft gewann die wenigsten Zweikämpfe, vor allem bei Duellen in der Luft sah es schlecht aus. Da die Kroaten das Mittelfeld eng machten, kamen die meisten deutschen Angriffsversuche nicht darüber hinaus. Den Anschlusstreffer besorgte wieder Lukas Podolski, der nach einem zu kurzen Abwehrversuch Kroatiens das Leder ins Netz hämmerte. Odonkor, von Löw eingewechselt um das rechte Mittelfeld zu beleben, war eine Katastrophe und keinesfalls mit seiner Form von 2006 zu vergleichen - es waren auch seine einzigen Einsatzminuten bei der EM. (Spielanalyse bei kicker.de)
Gegen Österreich (1:0) untermauerte Michael Ballack, dass er diesen Titel wirklich viel. Ein wuchtiger Freistoß, schnell und präzise, kurz nach Wiederanpfiff reichte Deutschland, um die österreichischen Träume von einem «zweiten Córdoba» zu beenden. Gomez vergibt freistehend zwei Meter vor dem Tor die Chance zur frühen Führung und spielt sich damit aus dem Kader. Mit dem Sieg gelingt Deutschland der Einzug ins Viertelfinale, allerdings nur als Gruppenzweiter, wo man gegen den starken Sieger der Gruppe A, die Portugiesen, antreten muss.
Gegen Portugal (3:2) spielte die deutsche Mannschaft das beste Spiel ihrer EM. Lehmann im Tor war immer präsent und konzentriert, die Taktik-Variante mit zwei defensiven und einem offensiven Mittelfeldspieler brachte nach hinten Sicherheit und nach vorne Entlastung. Eine Klasse für sich waren Schweinsteiger und Podolski, die auf den Außenpositionen im Mittelfeld spielten und dort gehörig für Wirbel sorgten. Ballack spielte ein ausgezeichnetes Spiel, Rolfes und Hitzlsperger im defensiven Mittelfeld ließen den verletzungsbedingt fehlenden Frings vergessen.
Gegen die Türkei (3:2) siegte Deutschland durch ein spätes Tor von Lahm. Die Hoffnung, dass mit dem Viertelfinale der Knoten in spielerischer Hinsicht geplatzt sei, zerschlug sich, Deutschland schluderte hinten und verlor viele Bälle schon beim Aufbauspiel im Mittelfeld. Nach diesem knappen Sieg war klar: Ohne eine Steigerung würde man das Finale nicht gewinnen.
Gegen Spanien (0:1) schoss Deutschland innerhalb von neunzig Minuten genau vier Mal auf das spanische Tor – so wird man nicht Europameister! Es gab zwei starke Phasen der DFB-Elf: Die Anfangs-Viertelstunde und direkt nach Kevin Kuranyis Einwechselung (58. Spielminute). Die deutsche Abwehr – vor allem Mertesacker – war zu keinem Zeitpunkt sattelfest, erneut haperte es am Aufbauspiel im Mittelfeld, der Stürmer (bzw. nach Kuranyis Einwechselung die Stürmer) hing in der Luft und wartete auf Flanken, die nicht kamen. Insgesamt stellt das Ergebnis den Spielverlauf nicht dar, Spanien hätte mit mindestens zwei Toren Unterschied gewinnen müssen, war die lauffreudigere, kombinationssicherere und zweikampfstärkere Mannschaft, wurde verdient Europameister.
Die Spieler
Jens Lehmann: Am Anfang wackelig, später stabil. Gegen Portugal eine Glanzleistung trotz zweier Gegentore. Lehmann dirigierte und rettete, was zu retten war. Für seine schlechten Vorderleute konnte er nichts.
Robert Enke & René Adler: spielten nicht.
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Arne Friedrich: Spielte seit dem Österreich-Spiel. Schaltete gegen Portugal Cristiano Ronaldo weitestgehend aus. Konnte in Halbfinale und Finale diese Glanzleistung nicht wiederholen. Ich hatte vor der EM prognostiziert, dass Friedrich mehr Einsatzzeit erhalten würde, als viele hofften – im Nachhinein zutreffend. Gehörte zu den besseren deutschen Abwehrspielern.
Clemens Fritz: Spielte nur in der Vorrunde, wurde gegen Portugal für den ausgelaugten Schweinsteiger zehn Minuten vor Schluss zur Ergebnissicherung eingewechselt. Nicht in der Form, in der man sich ihn erwartet hatte.
Marcell Jansen: Spielte die ersten beiden Spiele, später nur Ersatz. In der Vorrunde schlecht, im Finale annehmbar (kam zur zweiten Halbzeit für den verletzten Lahm).
Philipp Lahm: Mit Licht und Schatten. Manchmal enorme Zweikampfstärke, manchmal nicht. Wurde von seinem Vordermann Podolski nur selten in der Defensivarbeit unterstützt und hatte deswegen eine der schwierigsten Aufgaben.
Per Mertesacker: Man hatte erwartet, dass er dem unsicheren Metzelder Sicherheit geben würde. Er tat es nicht. Anfangs okay, gegen Ende immer schlechter, zuletzt schlechter als Metzelder. Dem Bremer steckten 32 Bundesligaspiele in den Knochen, die Konzentration war nicht da, das Stellungsspiel oft fehlerhaft. Seine Zweikämpfe waren oft keine gezielten Aktionen, sondern Gewurschtele und Gestochere. Mertesacker ist 23, aber von ihm hat man schon wesentlich bessere Spiele gesehen als bei dieser EM.
Christoph Metzelder: Fing schwach an und steigerte sich mit jedem Spiel. Zuletzt machte er kaum noch Fehler, musste aber oft für Mertesacker die Kohlen aus dem Feuer holen. Aber auch er: Weiter unter seinen Möglichkeiten.
Heiko Westermann: Spielte nicht.
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Michael Ballack: Laut auf dem Platz, brachte aber selbst nicht immer die Leistung, die er von anderen einforderte. Exzellentes Spiel gegen Portugal, ansonsten immer eine Mischung aus Licht und Schatten. Es lag auch an ihm, dass die Deutschen zu viele Zweikämpfe im Mittelfeld verloren. Das 4-2-3-1 aus dem Portugal-Spiel ging auf seine Idee zurück, zeigte taktisches Verständnis. Vielleicht nach 2010 ein Assistent des Bundestrainers oder gar selbst Bundestrainer?
Tim Borowski: Wurde zwei Mal eingewechselt, beide Male zur Ergebnissicherung. Im Spiel gegen Portugal gut, war eine Verstärkung für das Mittelfeld. Gegen Österreich wurde er erst in der 90. Spielminute aufs Feld gebracht.
Torsten Frings: Der Beißer aus Bremen spielte nicht sein bestes Turnier. Anfangs annehmbar im Defensivverhalten, aber zu wenigen präzisen Aktionen in der Offensive. Seine Zuspiele, vor allem die höheren, litten unter einer weiten Streuung und erreichten ihr Ziel oft nicht. Mit dem Rippenbruch ging es weiter abwärts: Er wollte, aber er konnte nicht.
Thomas Hitzlsperger: Ersetzte mit Rolfes im Portugal-Spiel Frings mustergültig, glänzte vor allem mit sauberen Pässen in die Spitze. Im Halbfinale und im Finale konnte er dies nicht wiederholen. Ein zwiespältiger Eindruck, denn gegen Portugal ging ein großer Teil des besseren Verhaltens im Mittelfeld auf Hitzlsperger zurück.
David Odonkor: Kam gegen Kroatien nach der Halbzeitpause, um das rechte Mittelfeld zu beleben – und scheiterte. Vor allem, dass er teilweise als Rechtsverteidiger aushelfen musste, brach ihm das Genick. Nach vorne bewegte er nichts. Machte nach diesem Spiel kein weiteres.
Simon Rolfes: Zwei Spiele, gegen Portugal Licht, gegen Spanien Schatten. Zeigte im Viertelfinale Überblick und das Gefühl für den richtigen Pass zum richtigen Zeitpunkt. Aber: Spielte sich näher an die erste Elf.
Bastian Schweinsteiger: Einer der wenigen deutschen Lichtblicke dieser EM! Zeigte seine Qualitäten auf den Flügeln im Mittelfeld, hatte Zug nach vorne. Schoss zwei Tore, bereitete zwei vor. Einziges Manko: Arbeitete nach hinten nicht immer gut mit – aber angesichts seiner langen Laufwege in der Offensive verständlich. Wenn er beim FC Bayern nicht zum Stammspieler wird, sollte er sich in der Winterpause einen neuen Verein suchen.
Piotr Trochowski: Spielte nicht.
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Mario Gomez: In der Bundesliga-Saison ein kompletter Stürmer: kann kontern, kann Kopfbälle spielen, kann «knipsen», kann schießen. Bei der EM war davon nichts zu sehen. Gomez wirkte blockiert, verkrampft und wurde zum Chancentod. Nach seiner vergebenen Großchance gegen Österreich mental endgültig am Boden. Der Stuttgarter machte sich selbst zu viel Druck, wirkte nie entspannt. Schade.
Miroslav Klose: Traf gegen Portugal und die Türkei, hatte es aber oft schwer. Am Anfang des Turniers war Gomez an seiner Seite schwach, später musste er es allein mit der gesamten gegnerischen Abwehr aufnehmen. Spielte immer leicht unter den Erwartungen, man erhofft sich von ihm mehr Torschüsse, nicht nur Kopfbälle nach Standardsituationen.
Kevin Kuranyi: Drei Spiele als Einwechselspieler, meist nur Kurzeinsätze. Zuerst bekam Gomez (angesichts der Bundesliga-Form zu Recht) den Vorzug, später war Klose die einzige Spitze.
Oliver Neuville: Spielte etwa zehn Minuten gegen Österreich, hatte aber eine gute Konterchance, die er leider vergab. In seinem letzten Turnier war er nicht der Einwechsel-Joker, da die Eingewechselten oft nur das Ergebnis sichern sollten.
Lukas Podolski: Spielte stark! Wenn er bei Bayern keinen Stammplatz erhält, sollte er auf der Stelle wechseln. Als Außenspieler im Mittelfeld und als zweiter Stürmer sehr gut! Drei Tore und zwei Vorlagen – Podolski kann mit seiner eigenen Leistung zufrieden sein. In der Defensivarbeit blieb er blass, für einen gelernten Stürmer ist das aber kein Wunder. Dennoch: Podolski bemühte sich, auch in der Abwehr mitzuarbeiten. Der beste deutsche Spieler der EM, knapp vor Schweinsteiger.
Warum es für Deutschland nicht reichte
Erstens: Das Defensivverhalten. Über die deutsche Abwehrschwäche war im Vorfeld viel spekuliert worden, Christoph Metzelder stand im Zentrum der Kritik, steigerte sich aber von Spiel zu Spiel. Dies nützte jedoch insgesamt nichts, da Per Mertesacker mit jeder Partie abbaute und die Sicherheit, die man bei ihm eigentlich vermutet hatte, vermissen ließ. Mangelhaftes Stellungsspiel und fehlende Sprintschnelligkeit war bei der deutschen Innenverteidigung in diesem Turnier die gängige Praxis.
Zweitens: Die Fehlpassquote. Je länger das Turnier dauerte, desto offener trat auch diese Schwäche ans Tageslicht. Vor allem aus dem defensiven Mittelfeld kamen oft keine guten Bälle nach vorne, Torsten Frings hatte eine ungeheure Streuung in seinen Zuspielen und schlug Flanken gerne hinter die eigenen Stürmer. Im Spiel gegen die Türken konnte man darauf warten, dass die Deutschen einen Ball im Mittelfeld leichtfertig verspielen würden.
Drittens: Die physische Nicht-Präsenz. Bei der WM 2006 eine der großen Stärken, zwei Jahre später nur noch bruchstückhaft wahrzunehmen. Im späteren Turnierverlauf war es nicht zu erwarten, dass Deutschland einen Gegner einfach in Grund und Boden rennen würde. Kopfballduelle gingen verloren, die Spieler suchten Zweikämpfe nicht oder gingen nicht mit letzter Entschlossenheit zum Ball.